18/01/2026
Rente mit 70? Mit 73? Wer soll das schaffen – Jens Spahn etwa?
In der aktuellen Debatte um das Rentenalter überschlagen sich die Forderungen aus Politik und Wirtschaft. Unionsfraktionschef Jens Spahn prognostiziert, dass das Renteneintrittsalter in den 30er Jahren „schrittweise Jahr um Jahr und dann Monat um Monat weiter steigen" müsse. Sein Vorschlag: Das Rentenalter soll künftig an die Lebenserwartung gekoppelt werden – für jedes Jahr längeres Leben einen Monat später in Rente. Versicherungsbote
Noch drastischer: Der von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche eingesetzte „wissenschaftliche Beraterkreis" empfiehlt, das Renteneintrittsalter schrittweise bis 2060 auf 73 Jahre anzuheben.
Was bedeutet das konkret?
Wer heute jung ist und gerade ins Berufsleben einsteigt, soll bis Anfang 70 arbeiten – mindestens. Die Begründung: Wir werden älter, also müssen wir länger arbeiten. Klingt logisch? Nur für Menschen, die ihr Arbeitsleben im Büro oder im Ministersessel verbringen.
Die Realität auf dem Bau und im Handwerk sieht anders aus
Betriebsrätin Beatrix Wiedemeier von Eiffage Infra-Rail, langjähriges IG BAU-Mitglied, hat dazu einen konkreten Vorschlag: Jens Spahn soll doch selbst mal bis 69 im Gleisbau arbeiten. Bei Wind und Wetter. Bei Hitze und Kälte. Mit kaputten Knien und kaputter Bandscheibe.
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache:
In den Bauberufen scheiden die Beschäftigten im Durchschnitt mit 59 Jahren aus dem Berufsleben aus. Ein Drittel aller Rentenbezieher im Bauhauptgewerbe bezieht eine Erwerbsminderungsrente – weil der Körper einfach nicht mehr kann. Die Vorstellung, dass Bauarbeiter bis 67 arbeiten, ist schon heute unrealistisch. Bis 70 oder 73? Das ist blanker Hohn.
Was steckt wirklich dahinter?
Jede Anhebung des Rentenalters ist für die meisten nichts anderes als eine Rentenkürzung. Wer vorzeitig in Rente geht – und das müssen die meisten im Handwerk und auf dem Bau – zahlt für jeden Monat 0,3 Prozent Abschlag. Ein Leben lang.
Die IG BAU hat diese Pläne schon immer abgelehnt. Und sie erinnert daran: Die Rentenreformen der letzten Jahrzehnte haben vor allem eines bewirkt – sie haben die gesetzliche Rente geschwächt und das Rentenniveau gesenkt. Seit Ende der 1990er Jahre ist das Rentenniveau bereits um mehrere Prozentpunkte gefallen.
Was wir stattdessen brauchen:
- Ein stabiles Rentenniveau von mindestens 50 Prozent
- Flexible Übergänge für Menschen mit körperlich belastenden Berufen
- Ein Alters-Flexigeld für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll arbeiten können
- Respekt vor der Lebensleistung von Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
Die Lohnfortzahlung, die Rente mit 65, das Rentenniveau – all das wurde von Gewerkschaften erkämpft. Jetzt sollen wir zusehen, wie diese Errungenschaften Stück für Stück abgebaut werden?
Nicht mit uns.
✊ Hände weg von unserer Rente!