23/03/2026
Apothekenprotesttag und Deine Apotheke in Heidenheim ist offen? 🤔
Hier ist die Erklärung.
Danke Frau Accardo- wir teilen absolut Ihre Meinung 👍!
Interview zum heutigen Tag des Apothekenstreiks
Zum heutigen Tag des bundesweiten Apothekenstreiks, der in Baden-Württemberg durch das Sozialministerium untersagt wurde mit der Begründung dass an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dann überwiegend nur Notdienste verfügbar wären. Dies ist zwar an anderen Tagen (wie zB Pfingsten oder am Osterwochenende) auch der Fall, nichtsdestotrotz mussten sich die Baden-Württembergischen Apotheker- und Apothekerinnen umstellen.
(Siehe auch Artikel hierzu: https://www.facebook.com/HDHNews/posts/pfbid02J8nTo9QpDqEHwxVW48AQuSXCtrqnZeJPmjYBNjgutPkGy19x3XRVKSGVX1kuuddjl )
Wir haben im Interview Frau Katja Accardo, Inhaberin der Apotheke Nattheim, zum Streik und den Hintergründen befragt.
Frage : Wie bewerten Sie die geplanten Protestaktionen der Apotheken am 23. März?
Katja Accardo:
Ich finde es gut, dass es einen bundesweiten Protesttag gibt, um in der Bevölkerung und in den Medien noch einmal deutlich zu machen, wie schwierig die wirtschaftliche Situation der Apotheken in Deutschland ist.
Leider wurde den Apotheken in Baden-Württemberg vom Landessozialministerium untersagt, sich am Streiktag zu beteiligen, weil wir systemrelevant sind und 2 Tage hintereinander nur eine Notdienstversorgung nicht genehmigt wurde.
Eine einzelne Aktion halte ich zwar für ein wichtiges Signal, glaube aber nicht, dass damit wirklich etwas erreicht werden kann. Dafür bräuchte es deutlich mehr und stärkere Maßnahmen.
Frage : Hätten Sie Ihre Apotheke an diesem Tag gerne geschlossen, um ein Zeichen zu setzen?
Katja Accardo:
Ja, definitiv. Wenn wir uns im Landkreis Heidenheim gemeinsam dazu entschieden hätten, hätte ich meine Apotheke an diesem Tag geschlossen. Wir müssen als Apothekerschaft geschlossen auftreten und ein klares Zeichen setzen. Selbst wenn das Sozialministerium den Streik untersagt hätte, hätte ich mich beteiligt und notfalls auch eine Geldstrafe in Kauf genommen – aus Solidarität mit den Apotheken im Land.“
Frage : Wie stehen Sie zur Entscheidung des Landes, Apothekenschließungen aus Protest nicht zu erlauben?
Katja Accardo:
Ich halte das für eine Frechheit. Einerseits heißt es, Apotheken seien systemrelevant und dürften deshalb nicht schließen, weil zwei Tage Notdienst der Bevölkerung angeblich nicht zuzumuten seien. Andererseits nimmt man offenbar in Kauf, dass in den nächsten Jahren tausende Apotheken verschwinden.
Das Argument überzeugt mich nicht – an Feiertagen wie Pfingstsonntag und Pfingstmontag funktioniert die Versorgung schließlich auch über zwei Tage Notdienst. Wenn Apotheken wirklich systemrelevant sind, dann sollte man ihre Probleme ernst nehmen – und ihnen nicht einmal mehr erlauben, darauf aufmerksam zu machen.
Frage : Welche Probleme belasten Apotheken aktuell besonders? Wie möchten Sie sich stattdessen am Protest beteiligen?
Katja Accardo:
Ich möchte auf den Protesttag vor allem durch dieses Interview und den Artikel hier in den Heidenheim News aufmerksam machen. Zusätzlich planen wir, Protestplakate in der Apotheke aufzuhängen und über unsere Social-Media-Kanäle auf die Situation hinzuweisen.
Frage : Wie reagieren Ihre Kunden auf das Thema?
Katja Accardo:
Viele unserer Kunden haben durchaus ein Verständnis für die Probleme, mit denen Apotheken derzeit konfrontiert sind. Man merkt, dass eine gewisse Sensibilisierung vorhanden ist. Gleichzeitig spüren wir aber auch, dass sich viele Menschen ein Stück weit machtlos fühlen – sie fragen sich, was sie selbst konkret bewirken können. Trotzdem ist es uns wichtig, über die Hintergründe zu informieren und das Thema sichtbar zu machen.
Frage : Sehen Sie langfristige Risiken für die Apothekenlandschaft?
Katja Accardo:
Ich sehe langfristig durchaus Risiken für die Apothekenlandschaft. Dazu gehören vor allem der wirtschaftliche Druck, der Fachkräftemangel, der zunehmende Wettbewerb durch ausländischen Versandhandel, aber auch eine überbordende Bürokratie, Lieferengpässe und immer neue Regulierungen. Das sind alles Faktoren, die die Apotheken langfristig belasten – insbesondere, weil die Kosten kontinuierlich steigen, während die Erträge eher sinken.
Gleichzeitig sehe ich aber auch Chancen. Durch den anhaltenden Mangel an Haus- und Landärzten können Apotheken stärker in eine beratende Rolle hineinwachsen. Vor allem im Bereich der pharmazeutischen Betreuung und der Arzneimitteltherapiesicherheit liegt großes Potenzial. Hier können Apotheken künftig eine noch wichtigere Rolle im Gesundheitssystem übernehmen.“
Frage : Sehen Sie langfristige Risiken für die Apothekenlandschaft? Was wünschen Sie sich von der Politik?
Katja Accardo:
Ich will keine Feuerlöscher-Politik, bei der nur da gelöscht wird, wo es gerade brennt.
Ich wünsche mir von der Politik eine echte Reform des Gesundheitswesens – nicht nur kurzfristige Lösungen, sondern etwas, das Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken langfristig stärkt. Die Politik muss den Mut haben, anzupacken und etwas umzusetzen, das finanzierbar und wirksam ist. Ich glaube nicht, dass Streiks kurzfristig viel Geld bringen, aber ich hoffe, sie setzen ein Signal: Es ist höchste Zeit, das System grundlegend zu ändern.
Bild: Apothekerin Katja Accardo, Apotheke Nattheim
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