25/01/2026
Ich beobachte bei meinen Patient*innen und erlebe es auch selbst so, dass das Thema „Loslassen“ in der zweiten Lebenshälfte noch einmal richtig an Fahrt aufnimmt.
Nun ist es nicht so, dass die erste Lebenshälfte frei von Schmerz, Trauer oder Verlust wäre, aber die zweite Lebenshälfte – wenn man sie denn erleben darf – geht einem diesbezüglich meist noch tiefer unter die Haut.
Echte Häutungen sind das, die man da erlebt. Man streift ständig Identitäten ab, und dadurch kommt es, wenn man sich hingibt, mehr zur Individuation.
Man trennt sich von dem, was man glaubte zu sein. Selbst das eigene Spiegelbild verändert sich so konsequent, dass vor allem das Seelenlicht, das aus den Augen entgegenblitzt, daran erinnert, dass man auch heute Morgen wieder das vertraute Selbst ist.
Man muss sich häufiger von geliebten Menschen und Tieren verabschieden, weil man selbst älter wird, was naturgemäß bedeutet, dass auch der Freundeskreis und die Familienmitglieder altern … und eben auch zu seiner Zeit versterben. Ältere Patient*innen höre ich darüber klagen, dass sie keine Geburtstagsparty mehr zu schmeißen brauchen … denn die Gäste, die in Frage kämen, die sind alle unter der Erde.
Ältere Menschen, die ihre Häuser verkaufen und ihr gesamtes Umfeld hinter sich lassen, um in die Nähe der Kinder zu ziehen, begleite ich manchmal. Wie das wohl ist, im Alter noch einmal alles hinter sich zu lassen und in eine ganz neue Umgebung zu ziehen, das verstehe ich ganz langsam. Es ist eine Häutung, noch einmal, zum x-ten Mal für viele meiner Patient*innen.
Um in dieser Welt zu bleiben,
musst du lernen, das Vergängliche zu lieben,
es an dich zu drücken,
als hinge dein Atem daran —
und wenn die Stunde kommt,
deine Hände zu öffnen
und es gehen zu lassen.
Frei übersetzt nach Mary Oliver
Das, was bleibt, ist man selbst. Stärker denn je mit sich verbunden, mit ganz viel Liebe im Herzen – eine Liebe, die sich vor allem aus Erinnerung nährt.
Deine Osteopathin
Birgit Reiter
osteopathie ausbildung zellweise