24/12/2025
Friede auf Erden?!
Wir werden diese Worte wieder singen und hören in diesen Tagen – und ich wünsche mir, dass diejenigen, die den Frieden herbeisingen, mehr sind als die, deren Waffen nicht schweigen wollen.
Auch wenn die Welt in diesem Jahr wieder voller Zeichen und Taten des Unfriedens war, möchte ich den Blick nicht verlieren für das parallel existierende Leben, in dem Liebe, Frieden, Mitgefühl und Freundlichkeit die sichtbaren Kräfte sind.
Vor meinem inneren Auge zieht das Jahr vorbei und ich habe leuchtende Momente erlebt, in denen der Friede und die Liebe Raum hat in Friesenhörn.
In einer Eltern-Kind-Interaktion bekommen Vater und Kind eine Frage, die sie zusammen beantworten: „Wohin würdest du fliegen, wenn du einen fliegenden Teppich hättest?“ Das Kind antwortet dem Vater: „ Papa - das ist doch klar: mitten in dein Herz!“ Der Vater ist mehrfach traumatisierter ehemaliger Soldat.
Eine Patientin schickt am Ende des Jahres eine Botschaft, dass sie im Frühjahr bei uns war und nicht geglaubt hat, dass in drei Wochen das Leben besser werden könnte- am Ende des Jahres kann sie wieder Auto fahren und hat ihre Panikattacken überwunden – sie hat ihre Mobilität und Unabhängigkeit ein Stück zurück!
Ein kleines Kind hat einen emotionalen Entwicklungssprung gemacht, weil es in der Maßnahme genug Zeit und Zuwendung durch die Eltern hatte, die lange mit der Pflege des älteren mehrfach behinderten Bruders beschäftigt waren, welcher kurz zuvor gestorben war. Trauer, Freude und Liebe genau nebeneinander.
Ein Vater erkennt in der Maßnahme seine große Liebe – manchmal muss man weit weg fahren, um etwas zu entdecken, was man vorher noch nicht sehen konnte!
Eine Frau sagt zu mir: „Ich möchte etwas ausprobieren - ich möchte etwas aussprechen, was ich noch nie jemandem erzählt habe.“ Als sie es getan hat, haben wir beide gespürt, dass sich etwas in ihrer Sicht auf sich selbst und ihr Leben geändert hat. Sie strahlte wie eine Sonne.
Nicht nur auf der großen Weltbühne finden Kriege und Gewalt statt – wir haben in den Kliniken in diesem Jahr unzählige Menschen – Kinder und Erwachsene - erlebt, die von den oft unfassbaren Erlebnissen berichten, die ihnen in ihrem Leben, in der Kindheit, in ihren Familien und Partnerschaften, in der Schule und bei der Arbeit widerfahren sind.
Und vor uns sitzen Überlebende, die zum Teil unfassbares ausgehalten, getragen und überwunden haben und heute hier und jetzt ein gelingendes Leben führen mit glücklichen Beziehungen und einer Familie, in der Wertschätzung und Liebe gelebt wird. Der ewige Kreislauf des Lebens, wie er im König der Löwen besungen wird, ist Realität. Jede Generation kann entscheiden, dass es in der Gegenwart besser weitergeht als in der Historie der eigenen Familie!
Und dies kostet den Mut, sich der Realität zu stellen!
Manchmal ist es ein weiter Weg, bis wir anerkennen können, in eine Familie hineingeboren zu sein, in der wenig Raum für Liebe, Geduld und Fürsorge war. Verletzungen finden nicht nur durch physische Gewalt statt – viel öfter sind es die Entwertungen, Unachtsamkeit und emotionalen Vernachlässigungen, die nachhaltig wirken. Ist es nicht erstaunlich, dass Kinder merken, wenn etwas fehlt? Irgendwas ist falsch und dann beginnt die Suche nach dem, was fehlte.
Oft kommt es vor, dass wir die ersten Erfahrungen aus unserer Familie in unseren Partnerschaften und Freundschaften wiederholen, weil wir es nicht besser kennengelernt haben. Die Erkenntnis, dass diese Beziehungen uns keinen Frieden, keine Liebe und Erfüllung schenken, tut weh und ist doch der einzige Weg zu unserer Befreiung aus einem unseligen Kreislauf.
Und mit diesem NEIN zu den Dingen, die uns nicht gut tun, haben wir die Tür geöffnet zu neuen Erfahrungen: Jedes NEIN ist ein Ja zu mir selbst!
Immer wenn ich diesen Satz in einem Vortrag ausspreche, spüre ich die Kraft, die in dieser Entscheidung liegt! Wozu sage ich JA und wozu NEIN?
Mit der Klarheit in meinem eigenen Umfeld kann ich beitragen zum Frieden. Wenn jede und jeder sowohl die eigenen Bedürfnisse sowie die des anderen respektiert, ernst nimmt und für den größtmöglichen Kompromiss sorgt bei Unvereinbarkeiten, könnte der Friede auf Erden in unseren 10 qm Umkreis gewahrt bleiben.
Wenn wir viele sind, die dies in ihren 10 qm Umfeld realisieren, wächst der Friede.
Am Ende des Jahres dominieren nicht der Schrecken und das Entsetzen vor den Dingen in dieser irdischen Welt, sondern der Respekt vor der menschlichen Kraft, die in uns allen wohnt und die Dankbarkeit, dass wir als Menschen das Geschenk der Erkenntnis und somit die Möglichkeit zur Akzeptanz des unveränderbaren und die Entscheidungskraft zur Veränderung des änderbaren bekommen haben.
Nutzen wir es – gerade jetzt im Angesicht der Weltgeschehnisse - in unsren 10 qm Umweltkontext - dort dürfen wir Frieden entscheiden!
Frei nach Sören Kierkegaard:
Ich bin im Frieden mit dem Schatten, den die Berge werfen.
Ich bin im Frieden mit dem Schatten meines Nachbarn.
Ich bin im Frieden mit deinem Schatten und mit meinem.
Ich bin im Frieden mit dem Schatten, der auf mich zukommt,
denn ich weiß, er ist aus dem Licht geboren.
An meinem letzten Arbeitstag dieses Jahres habe ich im Auto Radio gehört und dort wurde zu Armin Müller Stahls 95. Geburtstag über ihn berichtet. Ein Mann, der auf ein langes Leben zurückblickt und sagt, dass ihm, je älter er wird, die Natur immer wichtiger wird. „ Denn ich werde zu Erde werden und ich wünsche mir, dass ein Stiefmütterchen aus mir wächst.“
Das nenne ich Frieden gefunden haben und nehme es mir zum Vorbild.
Wir in Friesenhörn wünschen Ihnen von Herzen frohe Weihnachten
und ein gesundes neues Jahr mit so viel Frieden in ihrem Leben, wie nur irgend möglich sowie die Hoffnung, diesen Frieden vermehren zu können!
Von Herzen –
Hannah Janßen und das Friesenhörn-Team!