17/04/2026
Oft werde ich gefragt, was wir in der ambulanten Hospizarbeit eigentlich machen.
Meine Antwort ist dann, dass wir sehr viele Aufgaben übernehmen können.
Darum erzähle ich künftig immer wieder aus Begleitungen.
Heute von dieser:
Sie waren beide über neunzig. Ein Paar, das ein langes, gutes Leben miteinander geteilt hatte. Von Kriegsgreueln verschont, obwohl die Zeit sie geprägt hatte. Er – der Erste in seiner Familie, der studieren durfte. Sie – die sich in der Hotellerie hochgearbeitet hatte, mit Haltung, Fleiß und einer Freundlichkeit, die man nicht lernen kann. Kinder hatten sie keine, aber sie hatten einander. Und sie hatten dieses kleine Häuschen, das sie Stein für Stein zu einem Zuhause gemacht hatten.
Als er den schweren Schlaganfall bekam, war schnell klar: Kein Krankenhaus. Kein grelles Licht, keine fremden Stimmen.
„Er bleibt hier“, sagte sie.
Die ehrenamtliche Hospizbegleitung kam regelmäßig, hörte zu, hielt Stille aus, half beim Sortieren der kleinen und großen Sorgen. Eine Begleitung, die leise und tragend war – wie ein zusätzliches Paar Hände, das niemand sieht, aber jeder spürt.
Sein Sterben war friedlich. Ein letzter ruhiger Atemzug. Sie saß neben ihm, hielt seine Hand, erzählte ihm noch etwas von früher. Und als er gegangen war, blieb sie einfach sitzen. Ganz ruhig. Ganz bei ihm.
Einige Tage nach der Beisetzung rief eine Nachbarin an. Die Jalousie war unten geblieben. Ungewöhnlich für sie, die jeden Morgen zur gleichen Zeit lüftete, den Tag begrüßte.
Die Nachbarn gingen nachsehen.
Sie fanden sie im Sessel. Die Hände im Schoß.
Und ein Lächeln auf dem Gesicht – ein leises, warmes, wissendes Lächeln.
Als hätte sie nur gewartet, bis er gut angekommen war.
Als hätte sie dann beschlossen, ihm zu folgen.
Still. So, wie sie gelebt hatten.
Manchmal begleiten wir Menschen nur ein Stück.
Und manchmal dürfen wir Zeugen einer Liebe werden, die selbst im Sterben nicht endet.
Und die uns daran erinnert, warum diese Arbeit so unendlich wertvoll ist.
Das ist ambulante Hospizarbeit.