18/04/2020
Wie Bücher mein Leben veränderten…
Wenn Büchern mir Trost, Wahrheit und innerer Heimat gegeben haben, fand ich, dass wir letztendlich immer zu den Büchern greifen, von denen wir uns in einer Krise Hilfe erwarten. Es geschieht zu einem Zeitpunkt, wenn wir merken, dass das vorgegebene Handwerkzeug, dass uns unsere Eltern und unsere Kultur mit auf den Weg gegeben hat, nicht ausreicht, um das Mysterium Leben zu verstehen.
Oder auch dann, wenn uns etwas genommen wird, was uns erst gegeben wurde, und wir enttäuscht zurückgeblieben sind. Und noch nicht wissen, dass gerade so eine Krise eine Möglichkeit ist, daran zu wachsen. Natürlich können wir uns auch weigern und werden dann auf lange Sicht an der Weigerung zerbrechen. Viel hängt davon ab, ob wir in dieser Zeit jemanden treffen, der Mentor für uns sein kann. Oder auch welche Bücher in der dunkelsten Zeit der Krise uns erhellen und wir wieder eine neue Perspektive sehen.
Ich hatte in meinem jungen Leben einige tiefgreifende Erschütterungen erfahren und das war nicht meine sehr frühe Heirat, sondern, dass ich mit einundzwanzig erlebte, wie meine Schwägerin und mein Schwager ihre kleinen Kinder durch einen Autounfall verloren. Das erschien mir so ungerecht und unverständlich, so dass es mich in eine große Glaubenskrise stürzte.
Sieben Jahre später, in dem Jahr als mein Vater mit sechzig an Krebs verstarb, erreichte eine zweite Schicksalsschlagwelle die Familie meines Mannes und sein jüngerer Bruder wurde von einem Auto so schwer verletzt, so dass er mit dreiundzwanzig Jahren für immer querschnittsgelähmt sein würde. So ein schweres Schicksal ist immer auch eine Zäsur für alle Mitglieder in der Familie.
Wenn vorher mich Romane interessierten, begann ich nach nun Erich Fromm und Herman Hesse zu lesen. Und als mit dreiunddreißig meine zweite Tochter geboren wurde, interessierte ich mich für Steiners Anthroposophie und brachte meine kleine Tochter in den Waldorfkindergarten. Steiners Bücher waren schwere Kost doch Herrmann Hesses Sidhartha hatte in mir ein unerschütterliches Interesse an der Spiritualität entflammt. Und dass, obwohl ich den Text manchmal drei und viermal lesen musste, und dennoch oder gerade deshalb blieb etwas zurück, was andere Denkräume eröffnete.
In dieser schwierigen Zeit begann ich Gedichte zu schreiben und das Buch von Margot Bickel zu lesen mit dem besonderen Gedicht: Geh deinen Weg, wie ich den meinen suche… es spiegelte meine Sehnsucht nach innerer Einheit wieder und brachte mich auf meinen Weg. Und zu dem Punkt, wo ich meine eigene Wahrheit, wenn auch manchmal ziemlich schmerzhafte Wahrheit über mich erkannt, aber gleichzeitig war das der Punkt, wo ich wirklich echt bin.
Auf meinem Weg zur Freiheit, wenn die Verzweiflung groß ist, hält man sich nicht an der eigenen Grenze auf, sondern man wagt den Sprung ins Ungewisse. Erst später merkt man, das gehört zu den Prüfungen auf dem Heldenweg der Seele. Mir half es meinen Grenzen erst einmal zuzustimmen, um dann die Möglichkeit zu haben mich darüber hinaus zu bewegen. Sich aus den Begrenzung vieler Generationen mit dem Überlieferten und dem einen oder anderen Übertragenen zu schälen, bedeutet, man n***t und bloß da, weil diese ganze vorherige Identifizierung einem nicht mehr weiterhilft. Dennoch war es klar, es geht nicht mehr rückwärts, selbst wenn man es wollte, es geht weiter vorwärts und das ist die einzige Richtung die heilsam ist.