14/08/2022
Nur informativ, vll hilft es, den ein oder anderen Unfall zu verhindern...
Die Hüpfburg – sicher oder gefährlich?
Viele von euch kennen meinen Artikel über die Gefahren des Trampolins für Kinder (Link in den Kommentaren), und häufig kommt die Frage, wie es mit Hüpfburgen aussieht. Klar ist: Trampolin und Hüpfburg sind nicht das Gleiche. Auf dem Trampolin sind die Beschleunigungskräfte und Sprunghöhen wesentlich größer, dafür gibt es in der Hüpfburg unebenen, labilen Untergrund, der es schwieriger macht, Sprünge und Landungen zu koordinieren und einzuschätzen. Zudem ist mindestens eine Seite der Hüpfburg offen und es sind noch häufiger als im Trampolin viele Kinder gleichzeitig anwesend. Weiteres versuchte ich im Zuge einer Literaturrecherche herauszufinden.
Während Hüpfburgen früher nur bei großen Veranstaltungen zu sehen waren, sind sie heute selbst auf privaten Kindergeburtstagen gang und gäbe. Die Folge der größeren Verbreitung ist ein enormer Anstieg der mit Hüpfburgen assoziierten Verletzungen in den letzten Jahrzehnten, wie Studien zeigen [1, 3, 4, 5 - Literaturliste unten]. Obwohl Hüpfburgen von Eltern gemeinhin für sicher gehalten werden, zeigt sich eine Häufung von Knochenbrüchen durch ihren Gebrauch [2, 4, 5]. Am häufigsten bricht der Oberarm [1], meist knapp über dem Ellenbogen [2]. Diese Fraktur ist bei Kindern häufig und muss im Vergleich zu anderen oft operativ versorgt werden, auch Gefäße und Nerven werden immer wieder in Mitleidenschaft gezogen [6].
Nach dem Oberarm bricht am zweithäufigsten die Speiche [1]. Bei weniger schweren Verletzungen dominiert die untere Extremität [5]. Im Bereich der Beine sind Verstauchungen am häufigsten, gefolgt vom Schienbeinbruch [1], der auch auf dem Trampolin oft passiert („Trampolinfraktur“). Seltener kommen Oberschenkel- und Wirbelbrüche, Kopf- und Gesichtsverletzungen vor [1].
Menschen jeden Alters verletzen sich in der Hüpfburg, die Verletzungs- und Frakturrate ist jedoch bei Kindern vor dem Schulalter am höchsten [3]. Gehirnerschütterungen treten nur selten auf und vorwiegend bei Kindern über 6 Jahren [5]. Eine Studie [7] erzählt von zwei Kindern unter 3 Jahren, die am Tag nach dem Aufenthalt in einer Hüpfburg mit einem akuten Schiefhals aufwachten und über Schmerzen und Bewegungseinschränkung klagten, ähnlich einem Schleudertrauma. Aber auch Erwachsene sind in der Hüpfburg unfallgefährdet und überschätzen sich häufig selbst, so kommen beispielsweise Frakturen der Halswirbelsäule vor [8].
Ein Fallbericht erzählt von einem 3jährigen Mädchen, das sich nach dem Aufenthalt in der Hüpfburg nicht wohlfühlte und noch am selben Tag nach erfolgloser Reanimation verstarb [13]. In der Obduktion zeigte sich, dass sich nach einem angeborenen, symptomlosen Zwerchfellbruch beim Hüpfen mehrere Organe vom Bauch- in den Brustraum verschoben und Lunge und Herz verdrängt hatten. Dabei handelt es sich wohl um einen tragischen Einzelfall, die Autor*innen konnten zumindest keine ähnlich gelagerten Fälle in der Literatur finden [13].
Die häufigsten Unfallmechanismen bei Kindern in der Hüpfburg sind Kollisionen, Stürze im oder aus dem Gerät und Verdrehungen eines Beins [1, 2]. Meist befinden sich dabei mehrere Kinder in der Hüpfburg. In einer Studie waren bei allen Unfällen jeweils 2 bis 10 Kinder anwesend [1], und fast die Hälfte der verletzten Kinder musste stationär aufgenommen werden, weil eine operative Versorgung der Knochenbrüche nötig war.
In einer anderen Studie befanden sich in 52% der Unfälle Kinder verschiedenen Alters in der Hüpfburg [2]. Das ist nicht nur wegen der Kollisionsgefahr ein Problem, sondern auch, weil ein leichteres Kind durch den Sprung eines schwereren Kindes neben ihm wegkatapultiert werden kann. Mehrere Studien sehen daher den Aufenthalt verschieden schwerer Kinder in der Hüpfburg als Risikofaktor [1, 2, 3].
Die meisten Studien finden eine höhere Verletzungsrate bei Jungen als bei Mädchen [1, 2, 3, 4, 5]. Meiner Meinung nach liegt das an der Erziehung: Jungen werden von Erwachsenen häufiger zu riskantem Verhalten ermutigt, während Mädchen eher geraten wird, vorsichtig zu sein (auch das ist wissenschaftlich nachgewiesen, soll aber nicht Thema dieses Textes sein). Hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es bei Kindern vor der Pubertät noch nicht.
Die meisten Kinder, die sich in der Hüpfburg verletzten, wurden dabei nicht beaufsichtigt. In einer Studie [1] gaben nur 28% der Eltern an, ihr Kind beobachtet zu haben. 25% waren neben der Hüpfburg, hatten den Unfall aber nicht gesehen, und 47% gaben an, das Kind weder beaufsichtigt zu haben noch in der Nähe gewesen zu sein. Die meisten Eltern sagten, dass niemand kontrollierte, wer wann auf die Hüpfburg durfte. Auch in einer anderen Studie [2] wurden 43% der verunglückten Kinder von keinem Erwachsenen beaufsichtigt.
Zudem wird in den Medien immer wieder von Unfällen berichtet, bei denen Hüpfburgen durch starken Wind zur Gänze abheben und die darin befindlichen Kinder mehrere Meter tief abstürzen [1]. Im Dezember 2021 kamen in Australien 6 Kinder auf diese Weise ums Leben [9], nur wenige Wochen später wurden in Spanien so 9 Kinder verletzt, von denen 2 verstorben sind [10], und im Juli 2022 wurden durch den gleichen Unfallhergang in Deutschland 9 Kinder verletzt, 5 davon schwer [11].
Verletzungen des Bewegungsapparates sind aber nicht das einzige Risiko beim Einsatz von Hüpfburgen. Ein oft übersehener Faktor ist die Temperatur. Hüpfburgen werden v.a. bei warmem Wetter benutzt und heizen sich durch die Sonneneinstrahlung auf. Gibt es ein Dach, spendet dieses zwar Schatten, erschwert aber auch den Luftaustausch. Zusammen mit der körperlichen Aktivität des Hüpfens (oft bis zur völligen Erschöpfung) kann die Hitze schnell zu Problemen führen, denn Kinder können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren als Erwachsene und haben daher ein höheres Risiko für hitzebedingte Erkrankungen wie Sonnenstich oder Hitzschlag [12].
Was kann man nun tun, wenn man Kindern den Spaß in der Hüpfburg nicht völlig verbieten möchte?
Alle zitierten Studien sehen die Notwendigkeit für striktere Vorsichtsmaßnahmen. Folgende Parameter werden dabei empfohlen:
- Lückenlose Aufsicht [1, 2]! Kinder sollen dazu angehalten werden, aufeinander zu achten und keine riskanten Manöver zu versuchen.
- Mindestalter 6 Jahre [1, 3]. Auch die American Academy of Pediatrics empfiehlt das. Die konsequente Beachtung dieser Altersgrenze würde je nach Studie 34-46% der Verletzungen verhindern [1, 3]. Unter 6 Jahren sind Knochenbrüche besonders häufig. Je jünger ein Kind, desto weniger ausgereift die Bewegungskontrolle.
- Höchstalter je nach Herstellerangabe. Nicht jede Hüpfburg ist für Jugendliche oder Erwachsene geeignet und es gibt auch für diese Altersgruppen ein beträchtliches Unfallrisiko [1, 8].
- Limitierung der Anzahl der gleichzeitig hüpfenden Kinder [1, 2], sodass jedes Kind ausreichend Platz hat und Kollisionen vermieden werden.
- Nur Kinder mit ähnlichem Alter und Gewicht gleichzeitig hüpfen lassen, z.B. nach einem Rotationsprinzip [1, 2].
- In der Hüpfburg keine Schuhe tragen, keinen Schmuck oder spitze Gegenstände am Körper oder in den Taschen tragen und nicht auf die Wände klettern [1].
- Gute Befestigung der Hüpfburg am Boden, kein Betrieb bei Regen (Gefahr des Ausrutschens) und starkem Wind (Gefahr des Abhebens) [1].
- Keine harten Gegenstände im Umkreis des Eingangs (Bänke, Zäune etc.), Boden mit Matten o.ä. abpolstern (Teppich reicht nicht aus) [1].
- Bei warmen Temperaturen auf Pausen, ausreichend Flüssigkeit und Schatten achten [12].
Ich weiß, ich weiß, jetzt kommen wieder unzählige Kommentare à la „So ein Schwachsinn, meine Kinder haben sich dabei noch nie verletzt“ / „Warum in Watte packen?“ / „Andere Dinge sind auch gefährlich“ / „Sollen sie jetzt nur noch auf der Couch sitzen?“ / „Wir sind auch alle groß geworden“.
Ja, Kinder sollen sich bewegen.
Nein, nicht alle körperlichen Aktivitäten sind im gleichen Ausmaß gefährlich.
Nein, die Studien an hunderttausenden Kindern sind nicht gefälscht, denn wer sollte davon profitieren? Die geheime Anti-Hüpfburg-Lobby?
Nein, es ist kein Widerspruch zu den Statistiken, wenn sich dein Kind noch nie verletzt hat.
Ja, alle Eltern dürfen selbst entscheiden, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzen, und ob sie lieber eine Aktivität wählen, bei der Knochenbrüche selten sind, oder eine, bei der sie häufig sind.
Ich informiere hier nur, und wer will, denkt darüber nach, und wer nicht will, eben nicht. Es ist gar nicht notwendig, dazu einen gehässigen Kommentar zu schreiben, der nur die mangelnden Statistikkenntnisse seines Verfassers offenbart.
Aber ich weiß, all das wird wenig bringen, denn die besagten Kommentatoren lesen selten bis zum Ende 😉 Allen anderen danke ich für die Aufmerksamkeit!
Und weil das bestimmt gefragt wird: Ja, meine Kinder (8 und 4) dürfen in die Hüpfburg, wenn sie unbedingt wollen – aber ich lasse sie dabei nicht aus den Augen, sie passen auf und jedes Kind hat genug Platz und achtet auf die anderen. Und trotzdem kam der Vierjährige mit verkniffenem Gesicht aus der Hüpfburg und sagte: „Ich hab mir den Rücken verknackst.“
Panikmache ist unangebracht. Verharmlosung aber auch. Die Bewegungsformen, für die unser Körper gemacht ist, finden auf festem Boden statt. Das Hüpfen auf Trampolinen und Hüpfburgen ist keine natürliche Bewegungsform und das ist der Grund, warum es öfter zu Verletzungen kommt.
Triff deine Entscheidungen selbst, aber triff sie informiert!
Die wissenschaftlichen Quellen, die ich in meinem Artikel zitiert habe, findest du unten in der Literaturliste.
Ich freue mich sehr, wenn du meine Beiträge kommentierst, speicherst oder teilst 😊
Hilf mit, Hüpfburgen sicherer zu machen!
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Text und Bild: © Kathrin Mattes
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Quellen:
1. Corominas, L., Fernandez-Ansorena, A., Martinez-Cepas, P., Sanpera, J., Obieta, A. (2018): Are inflatable play structures really safe for our children? In: J Child Orthop. 2018 Jun 1;12(3):282-287.
2. Avoian, T., Choi, P. D., Manjra, N., Weiss, J. (2008): Inflatable bouncer-related fractures in children. In: J Pediatr Orthop. 2008 Sep;28(6):656-9.
3. Ferro, V., D’Alfonso, Y., Vanacore, N., Rossi, R., Deidda, A., Giglioni, E., Reale, A., Raucci, U. (2016): Inflatable bouncer-related injuries to children: increasing phenomenon in pediatric emergency department, 2002-2013. In: Eur J Pediatr. 2016 Apr;175(4):499-507.
4. Thompson, M., Chounthirath, T., Xiang, H., Smith, G.A. (2012): Pediatric inflatable bouncer-related injuries in the United States, 1990-2010. In: Pediatrics. 2012 Dec;130(6):1076-83.
5. Vukcevich, O., Schomberg, J., Wallace, E. L., Reyna, T., Gholizadeh, M., Ferguson, M., Guner, Y. S., Awan, S. (2022): Distribution of injury in inflatable jumping amusements in the U.S. over the last 20 years. In: J Pediatr Surg. 2022 May;57(5):908-914.
6. Pilla, N. I., Rinaldi, J., Hatch, M., Hennrikus, W. (2020): Epidemiological Analysis of Displaced Supracondylar Fractures. In: Cureus. 2020 Apr 19;12(4):e7734.
7. Young, M. D., Young, J. L. (2017): Conservative Care of Pediatric Acquired Torticollis: A Report of 2 Cases. In: J Chiropr Med. 2017 Sep;16(3):252-256.
8. McGuire, B. B., Gul, R., Kingston, R., Synnott, K. (2006): 'Bouncy castles' and cervical spine fractures: an under-recognized hazard. In: Eur J Orthop Surg Traumatol. 2006 Jun;16(2):154-155.
9. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/australien-sechstes-kind-nach-huepfburg-unglueck-auf-tasmanien-gestorben-a-c5926c8a-d839-4d62-a164-6bd10b8399ef
10. https://www.spiegel.de/panorama/spanien-zweites-kind-nach-unfall-mit-huepfburg-gestorben-a-6393e2db-df45-41f2-80ae-a70f4894a8b8
11. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/gondershausen-hunsrueck-kreis-polizei-ermittelt-nach-huepfburg-unfall-mit-fuenf-schwer-verletzten-kindern-a-be58e8eb-fa37-4848-be15-95d0b8bc31cf
12. Labosier, C. F., Beckman, J., Robinson, T., Tennis, D. (2019): Preliminary findings of thermal safety in children's outdoor playhouses. In: Int J Biometeorol. 2019 Sep;63(9):1303-1307.
13. Smith, K., Shattuck, B., Elliott, J. (2021): Sudden death after being in a bounce house: a late complication of congenital diaphragmatic hernia. In: Forensic Sci Med Pathol. 2021 Dec;17(4):706-710.