15/03/2026
Viele meine Klienten und Klientinnen kommen in Therapie mit dem Gefühl, dass mit ihnen etwas „nicht stimmt“.
Sie beschreiben sich als zu sensibel, zu angepasst, zu kontrollierend oder zu distanziert.
In der systemischen Perspektive schaue ich jedoch weniger auf die Frage:
„Was ist falsch mit dieser Person?“
Sondern eher auf:
„In welchem Kontext hat dieses Verhalten Sinn gemacht?“
Viele unserer heutigen Reaktionsweisen sind nicht zufällig entstanden.
Sie entwickeln sich in Beziehungen, Familien und anderen sozialen Systemen. Besonders in der Kindheit lernen wir oft unbewusst Strategien, die uns helfen, mit bestimmten Dynamiken umzugehen.
Zum Beispiel kann jemand früh gelernt haben:
– Konflikte zu vermeiden, um Spannung in der Familie zu reduzieren
– Verantwortung zu übernehmen, um Stabilität zu schaffen
– sich zurückzunehmen, um anderen Raum zu geben
– stark zu funktionieren, wenn wenig Unterstützung vorhanden war
Aus systemischer Sicht sind solche Verhaltensweisen häufig sinnvolle Anpassungen an ein bestimmtes Umfeld. Sie erfüllen eine Funktion im System.
Schwierig wird es manchmal erst dann, wenn diese Muster in einem neuen Kontext weiterwirken, obwohl die ursprüngliche Situation längst nicht mehr besteht.
Ein wichtiger Schritt für mich in der Therapie ist deshalb oft, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen:
zu verstehen, wo ein Muster entstanden ist, welche Funktion es einmal hatte und ob es heute noch hilfreich ist.
Verstehen bedeutet nicht, alles zu rechtfertigen.
Aber es eröffnet oft einen neuen Blick auf sich selbst – mit mehr Differenzierung und Selbstverständnis.
Welche deiner heutigen Reaktionsweisen könnte einmal eine sinnvolle Anpassung an dein damaliges Umfeld gewesen sein?
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