18/05/2026
"Den Schwiegersohn habe ich losgeschickt, ein Weizenbier zu kaufen.“
Ich muss lächeln über diesen Satz meiner Kollegin, die gerade bei einem Patienten vor Ort ist, dessen Zustand sich heute akut verschlechtert hat.
In den letzten Tagen war bereits deutlich geworden, dass Essen und Trinken immer schwieriger wurden. Die Demenz nahm weiter zu und auch die Krankenhausaufenthalte der vergangenen Wochen brachten keine wirkliche Linderung/ Hilfe.
Immer wieder kam es zu krisenhaften Situationen, weshalb der Patient aus dem Pflegeheim ins Krankenhaus gebracht wurde. Doch eine weitere Klinikbehandlung war inzwischen nicht mehr gewünscht. Die Tochter erlebte die Krankenhausaufenthalte nur noch als Belastung — insbesondere, weil ihr Vater durch die Ortswechsel in seiner Demenz jedes Mal erneut starke Unruhe und Verschlechterungen entwickelte.
Nach den heutigen Ereignissen, bei denen auch der Notarzt vor Ort war, wurde gemeinsam mit der Notärztin, der Tochter und uns entschieden, dass der Patient nun friedlich und begleitet im Pflegeheim bleiben darf. Mit allen Konsequenzen.
Eine Kollegin von uns fuhr unmittelbar nach der notärztlichen Versorgung zu ihm und übernahm die weitere palliative Begleitung.
Das baldige Versterben ist wahrscheinlich.
Jetzt geht es darum, Symptome gut zu lindern.
Es geht um Ruhe. Um Sicherheit. Um Begleitung.
Und um eine gute Mundpflege.
Mit den Angehörigen werden lange Gespräche geführt. Viele Fragen tauchen auf. Viele Ängste. Besonders groß ist oft die Angst vor dem Verhungern und Verdursten.
Hier zitieren wir gerne Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung.
„Menschen sterben nicht, weil sie aufhören zu essen.
Sie hören auf zu essen, weil sie sterben.“
Dieser Satz beschreibt etwas, das für Angehörige oft unglaublich schwer auszuhalten ist.
Der Körper eines sterbenden Menschen verändert sich. Der Bedarf an Nahrung und Flüssigkeit nimmt ab. Essen und Trinken werden anstrengend oder schlicht nicht mehr möglich.
Dieser eine Patient ist enenfalls schwer krank. Die Nahrungsaufnahme war bereits seit Tagen deutlich reduziert. Nun kann er weder essen noch trinken. Es entstehen natürlich Ängste.
Gerade deshalb ist hier Aufklärung, Begleitung und Anleitung für eine gute Mundpflege jetzt unglaublich wichtig.
Denn der Mund ist unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan für Durst.
Nicht Infusionen können lindern und helfen— sondern die Frage: Wie fühlt sich der Mund an? Ist er trocken? Klebrig? Schmerzhaft?
Wir empfehlen in solchen Situationen neutrale Mundpflegestäbchen und kleine Mengen der Dinge, die der Mensch gerne mochte: Tee. Kaffee. Saft. Wasser.
Oder eben auch einmal ein Weizenbier.
Nicht zum Trinken im klassischen Sinn.
Sondern als Geschmack. Als Erinnerung. Als kleines Stück Lebensqualität.
Butter, Honig oder Olivenöl können helfen, Borken zu lösen und die Schleimhäute geschmeidig zu halten. Wichtig ist nur, diese später wieder vorsichtig zu entfernen, damit kein unangenehmer Geschmack entsteht.
Auch Flüssigkeitsgaben über die Haut oder größere Mengen über einen Port wägen wir in der letzten Lebensphase sehr genau ab, bzw. raten davon ab. Denn zu viel Flüssigkeit kann Beschwerden wie Luftnot oder vermehrte Sekretbildung verstärken oder zu schmerzhaften Wassereinlagerungen führen.
Palliativmedizin bedeutet nicht, einen natürlichen Sterbeprozess aufzuhalten.
Palliativmedizin bedeutet, Leiden zu lindern.
Und manchmal bedeutet das eben auch, einen Schwiegersohn loszuschicken, damit er ein Weizenbier besorgt.🍺
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