21/02/2025
Ein Post in eigener Sache, erstellt von dem Team der Tiermedizinischen Fachangestellten (TFA) der Tierarztpraxis Allerheiligen:
Heute ist bundesweit der erste Streiktag der TFA's aufgrund der gescheiterten Tarifverhandlungen zwischen dem BpT (Bundesverband praktischer Tierärzte) und dem VmF (Verband medizinischer Fachberufe).
Wir TFA's aus der Tierarztpraxis Allerheiligen sind aber in unserer Praxis und arbeiten, freiwillig. Warum?
Weil wir schon seit langem diese geforderten Tarifbedingungen und sogar noch mehr von unseren Chefs erhalten. Freiwillig. Wir erfahren bei uns in der Praxis als TFA persönliche und auch finanzielle und fortbildungsfördernde Wertschätzung, davon träumen andere Kollegen nur. Wir haben bei uns auch eine eigene, bei Kunden sehr beliebte "TFA - Sprechstunde", in der wir Tätigkeiten innerhalb des offiziellen Delegationsrahmens des BpT für TFA eigenständig als Fachangestellte durchführen können.
Wir schätzen dieses Verhalten unserer beiden Chefs absolut wert und möchten das hiermit auch zeigen. Indem wir für unsere Tierärzte und für unsere Patienten da sind. Obwohl wir ohne Probleme unserer "Chefetage" auch solidarisch unsere Arbeit hätten niederlegen können. Wir haben uns dagegen entschieden. Wir sind nicht die einzigen die gute Bedingungen haben, andere Tierärzte sehen die Situation genauso und handeln genauso wie unsere Chefs, aber doch leider noch in der Minderheit.
Aber: solidarisch möchten wir auf die Kolleg(Innen) aufmerksam machen, denen es nicht so gut geht wie uns. Die z.T. sogar UNTER Mindestlohn arbeiten weil z.B. Überstunden nicht aufgeschrieben werden. Die keine Fortbildungen bezahlt bekommen, kein frei dafür bekommen, noch Nebenjobs annehmen müssen um zu überleben. Bei denen eine 24/7/365 Rufbereitschaft vorausgesetzt wird und nicht entlohnt wird. Das diese Kolleg(Innen) streiken ist richtig und gut. Sie bekommen gerade extremen Gegenwind zu spüren inkl. Kündigungsandrohungen und sonstiger Repressalien aufgrund des Streiks. Nicht alle aber jeder Fall ist einer zuviel.
Nach der Erhöhung der GOT vor rund 2 Jahren gab es Gehaltsverhandlungen zwischen dem BpT und dem VmF, der unsere tariflichen Gehälter auf 1 Euro (einem!) über Mindestlohn gesetzt hat. Ein Euro mehr für Fachangestellte mit 3jähriger Ausbildung die eine umfassende, anstrengende, verantwortungsvolle Tätigkeit darstellt.
Wir sind:
- Fachkräfte mit pharmazeutischen und tiermedizinischen Kenntnissen
- Röntgenassistenten
- OP - Assistenten
- "Body - Guards" für die Tierärzte für die wir Tiere für Behandlung sichern
- Narkosefachkräfte
- psychologische Unterstützung für Tierhalter und manchmal auch Tierärzte oder untereinander
- Laborfachkräfte
- Anmeldemanagement
- machen die Buchhaltung
- Apothekenfachkräfte
- überwachen hingebungsvoll die Stationstiere
- Berater in allen Bereichen rund ums Tier (Reise, Parasiten, Geriatrie, Verhalten, Aufzucht etc.p.p.)
- Hygienefachkräfte
- Wir werden gekratzt, gebissen, von Sekreten und Ausscheidungen getroffen, sind körperlich (z.B. Rücken etc) und psychisch (z.B. Euthanasien) belastet.
Kurz: wir haben einen Knochenjob.
Etc etc etc ich könnte es endlos ergänzen.
Es gibt kaum einen vielfältigeren und für uns trotzdem schöneren Beruf. Aber, nach meiner langen Berufserfahrung (seit 1987), darf ich sagen, es gibt kaum einen Job in dem mehr junge Leute wieder abspringen, in oder nach der Ausbildung. Weil die Zukunftsaussichten mies sind. Eine eigene Wohnung ist mit normalem bisher tariflich gesetztem Gehalt kaum möglich für nur nach mit bisherigem Tarif bezahlten Kollegen. Viele Kliniken und Praxen mussten und müssen bereits schließen oder ihren Status als Klinik aufgeben, weil das Personal fehlt.
Als unsere Sandra vor drei Jahren ihre Abschlussprüfung bestand, war sie die Einzige, die im Job blieb. Bei Chiara, letztes Jahr Abschluss, ähnlich. Unsere Tamara, die gerade in den Abschlussprüfungen steckt, berichtet das von ursprünglich 32 Kollegen in der Berufsschulklasse nur noch 14 übrig sind, nur 2 mit ihr bleiben im Job. Sie bleibt auch bei uns. Diese Quote ist erschreckend und sollte wachrütteln.
All das kann nur mit guten Arbeitsbedingungen geändert werden.
Weniger Personal in Praxen und Kliniken bedeutet mehr Stress für alle und somit weniger Zeit und Aufmerksamkeit für Ihre kranken Tiere. Oft werden in der Not mittlerweile ungelernte Hilfskräfte in eingestellt. Zum Mindestlohn. Eine fatale Entwicklung. Weniger intensive gute Betreuung, mehr Erschöpfung und mehr Fehler. Es kann nicht sein das diese ausgebildeten Fachkräfte andere völlig berufsfremde Jobs annehmen nur weil dort besser bezahlt wird und dann in der Tiermedizin fehlen. Auch ein Job an der Anmeldung/Rezeption kann nur fachgerecht von einer Fachangestellten durchgeführt werden, die TFA ist es, die Symptome zu evtl lebensbedrohlichen Krankheitsbildern zusammensetzen kann. Da geht es nicht nur um Telefondienst, sondern durch gezieltes Hinterfragen kann so z.B. ein geschildertes Erbrechen eines Hundes von infektiös oder Magen nur verkorkst über Fremdkörper zum Darmverschluss oder Gebärmuttervereiterung unterschieden und evtl. rascher terminiert werden. Gelernt ist nunmal gelernt. Fachkräfte werden gebraucht. Wir "halten nicht nur Tiere fest" oder streicheln. Wir brauchen in der Tiermedizin weiterhin diese Fachangestellte der Tiermedizin. Für alle Bereiche der Tierarztpraxis.
Und nein - dafür muss die GOT nicht nochmals angehoben werden und somit die angehoben Gehälter auf die Tierhalter abgeschoben werden. Das funktioniert auch so. Ohne erneute Anhebung. Unsere Chefs haben das seit langem begriffen und beherzigt, somit haben sie auch ein Team das voll hinter ihnen steht, ein Team das miteinander scherzt, rumalbert, sich berät, hilft, unterstützt, tröstet und Verständnis füreinander hat.
Eine Arbeit, für die man gerne morgens aufsteht, mit Neugierde im Blick was einen heute erwartet. Ein Team, in dem man gerne alt wird (aus meiner Sicht). Ein Team, das z.B. Morgen zusammen zum Rütter geht um mal wieder einen sorglosen Abend zusammen zu verbringen.
DAS wünschen wir allen Kollegen da draussen! In der Presse geht dieser (kleine) Streik angesichts des Verdi - Streiks unter. Bei unseren Lesern hoffentlich nicht.
So. Jetzt arbeite ich mal weiter.
Das Team der Tierarztpraxis Allerheiligen: Nicole, Sandra, Chiara, Tamara, Alina und Verena