07/06/2021
Unverheiratet schwanger?
Noch heute gilt in vielen Regionen der Welt eine Schwangerschaft vor der Heirat als schwerwiegende Schande, bis vor wenigen Jahren auch hierzulande. Verzweifelt suchten die daran allein als „schuldig“ geltenden Frauen nach Auswegen, selbst in hanebüchenem Aberglauben, demgemäß eine bestimmte Blume allein Ihrer Farbe wegen zur erlösenden Blutung verhelfen konnte. Welche Blume? Lesen Sie hier…
Die Blutwurz
Ein Fingerkraut…
Die Pflanzengattung der Fingerkräuter (botanisch: Potentilla) ist mit etwa 500 Arten nahezu auf der ganzen Welt verbreitet. Ihren deutschen Namen haben diese Rosengewächse von der Gestalt ihrer Blätter, welche in meist fünf Blättchen geteilt ein handförmiges Aussehen erhalten. Allein in unserer unserer Region (Saarland) finden sich etwa ein Duzend heimische Arten dieser Gattung, darunter auch die recht häufige Blutwurz, auch Kraftwurz, Tormentill und Terpentill genannt. Während die anderen Fingerkräuter jeweils fünf Kronblätter pro Blüte aufweisen, ist die Blüte der Blutwurz leicht an ihren lediglich vier Kronblättern zu erkennen.
Nass wie trocken…
Das in ganz Europa und Asien verbreitete Kraut findet man in Wiesen, Heiden und Gebüschen vom Tiefland bis in die alpine Stufe der Gebirge. Dabei erstaunt, dass sie sowohl die Staunässe von Mooren und Sümpfen als auch die Trockenheit von Heiden und lichten Kiefernwäldern auf dürftigem Sandboden verträgt. Ihr botanischer Artname Potentilla erecta leitet sich zwar vom lateinischen erectus (zu deutsch: aufrecht) ab, allerdings gibt es bei der Pflanze sowohl aufrechte als auch niederliegende Wuchsformen.
Potenz bedeutet Macht…
Das lateinische Potentilla ist eine Verkleinerungsform von poténtia (zu deutsch: Macht) und geht vermutlich auf die „mächtige“ Heilwirkung des ebenfalls in unserer Region heimischen Gänse-Fingerkrautes (P. anserina) zurück, welches zu früheren Zeiten den Namen Potentilla alleine trug. Dieser Macht mag unsere Blutwurz allerdings in nichts nachstehen. Aufgrund ihres hohen Gerbstoffgehaltes findet sie noch heute Anwendung in der Schulmedizin, innerlich gegen Durchfälle bei unspezifischen Darmerkrankungen sowie äußerlich bei Schleimhautaffektionen des Mundes und des Rachens. Übrigens handelt es sich bei der Blutwurz um die wichtigste und ergiebigste deutsche Gerbstoffdroge.
Rot wie Blut…
Allerdings scherten sich unsere Vorfahren in ihrer diesbezüglichen Unwissenheit nicht um Inhaltsstoffe und Moleküle. Ihnen sprang eher die blutrote Farbe des Wurzelstockes (Rhizom) ins Auge, was ihnen als göttliches Zeichen der innewohnenden Kräfte und Mächte dieser Pflanze galt. Frisch aufgeschnittenen Rhizomen wurde sogar ein eigenständiges Leuchten nachgesagt, was die Wunderkraft der Blutfarbe für die Abergläubigen noch verstärkte. „Braucht Bibernell und Terpentill, so wird der Tod bald stehen still“, sprach der Volksmund und gebrauchte die Blutwurz gegen jedwede todbringende Krankheiten, wie Pest, Cholera und insbesondere die Ruhr. Von der Ruhr (lateinisch: tormina) leitet sich schließlich ihr Name Tormentill ab. Gemäß der Volksweisheit „Nehmt Bibernell und Tormentill, wer sein Viehchen retten will“ war der Einsatz der Heilpflanze nicht nur auf Menschen beschränkt.
Gleiches hilft Gleichem…
Im Naturverständnis unserer Vorfahren war die Blutfarbe des Wurzelstockes auch ein Zeichen für ihre spezielle Anwendungsmöglichkeit. Die sogenannte Signaturenlehre versprach: Gleiches hilft Gleichem, etwa ein roter Pflanzensaft dem roten Blut. So schreibt der heilkundige Mönch Otto Brunfels (1488 – 1534) in einem seiner Kräuterbücher: „Tormentill ist aller köstlichst blutstillung, ein secret der frauen iren blumen ( = Menstruation) zu stillen.“
Zu gegenteiligem Schluss kommt man allerdings gemäß einem Rezept aus einem alten mährischen Zauberbuch: „Wenn eine Jungfer ihre Zeit nicht hat: Brenn ein Stücklein von einem Mannshemd in Zunder, mische es mit gleich viel Pulver von Tormentillkraut, Hauswurz und Lilienoel, dem weißen. Dies gib ihr ein.“ Wie verzweifelt muss eine Frau wohl gewesen sein?
Foto und Text: Wolfgang Stein, Universität des Saarlandes
Hat Ihnen der Artikel gefallen?
Wenn Sie nicht nur diesen Artikel, sondern auch diese Seite "Botanischer Garten der Universität des Saarlandes" liken (Gefällt-mir-Button), erhalten Sie wöchentlich weitere solcher Artikel aus meinen diversen Blumen-Serien und abendlich ein lehrreiches Blumenrätsel.
..und nun: Posten Sie gerne Ihr weiteres Wissen oder Ihre Erfahrungen mit der Blutwurz, gerne auch eigene (max. 2!) Fotos (Aber bitte nicht per copy & paste aus anderen Quellen).
Übrigens: Kommentare ohne Bezug zum Thema (auch Bestimmungsfragen) werden ungefragt gelöscht. Ebenso lösche oder verberge ich übergroße Emojis, anderweitige Bilder und Filmchen (GIF-Anhänge) jeglicher Art sowie jedwede Werbung.