04/02/2026
Vielleicht hast du – so wie ich – Scham lange als ein enges, drückendes Gefühl erlebt. Eine Kraft, die den Blick nach unten zwingt, uns klein hält und den inneren Raum verengt. Wir erfahren Scham oft als ein privates Gefängnis, als eine Last, die uns isoliert.
Aus meiner therapeutischen Praxis kenne ich diese Scham in all ihren Facetten. Besonders dort, wo Grenzen verletzt wurden – körperlich, emotional, seelisch – begegnen wir einem schmerzhaften Paradox: Menschen schämen sich für das, was ihnen angetan wurde. Sie tragen die Schande der Täter als ihre eigene Scham. In diesem Rückzug verlieren sie oft den Zugang zu ihrem eigenen „Nein“, zu ihrer Würde, zu jener inneren Instanz, die sagt: Das gehört nicht zu mir.
Dort beginnt die gemeinsame Arbeit: Die Scham zu entwirren und die erstarrte Wut wieder in Bewegung zu bringen. Nicht als blinde Zerstörung, sondern als jene schützende Kraft, die unsere Grenzen wieder aufbaut.
Der Philosoph Frédéric Gros erinnert uns in seinem Essay daran, dass Scham und Schande im Französischen dasselbe Wort sind: honte. Diese Nähe zeigt uns die politische Dimension dieses Gefühls. Die Geschichte der Befreiung ist oft eine Geschichte, in der die Scham die Seite wechselt.
Es war die Anwältin Gisèle Halimi, die diesen Satz schon in den 1970er Jahren prägte und die Scham dorthin zurückgab, wo sie hingehört: zu den Tätern, zu den Unterdrückern, zu denen, die Grenzen missachten. Wenn Scham die Seite wechselt, wird sie zu einer revolutionären Kraft.
Gisèle Pelicot nahm diesen Satz im vergangenen Jahr als Kampfruf zur Verteidigung ihrer Würde gegen ihre Vergewaltiger auf. Indem sie sich entschied, den Prozess öffentlich zu machen, weigerte sie sich, die Scham im Verborgenen weiterzutragen. Sie zwang die Welt – und die Täter – dazu, hinzusehen. Sie gab die Dunkelheit zurück an die, die sie verursacht hatten, und wurde so zum lebendigen Beweis für die verändernde Macht dieses Gefühls.
Gros schreibt: „Scham ist eine Mischung aus Trauer und Wut.“ Man überwindet sie nicht einfach, man transformiert sie. Man gibt ihr die Form von Zorn – einem heiligen Zorn, der sagt: „Es reicht. Meine Würde ist unantastbar.“
Für diese Auszeit lade ich dich ein, diesen inneren Wetterwechsel zu erkunden:
Was, wenn deine Scham eigentlich ein Kompass ist, der dir zeigt, wie kostbar deine Würde ist?
Was, wenn sie der Vorbote einer Kraft ist, die sich weigert, länger klein beizugeben?
Was, wenn wir aufhören, uns für unsere Verletzlichkeit zu schämen, und beginnen, die Schande dorthin zurückzugeben, wo sie ihren Ursprung hat?
Nimm dir einen Moment der Stille. Atme tief ein. Frage dich behutsam:
Wo trage ich eine Scham, die eigentlich eine fremde Schande ist? Was würde passieren, wenn ich diese Scham in schützende Wut verwandle?
Wenn wir Scham nicht mehr als persönlichen Makel, sondern als kollektiven Weckruf verstehen, gewinnt sie ihre revolutionäre Macht zurück. Sie ist der Moment, in dem wir uns wieder zu uns selbst bekennen.
Scham ist unser Thema im Februar. Scham darf die Seite wechseln. Sie darf den Kopf heben. Sie darf zur Kraft werden. Sie darf ein revolutionäres Gefühl sein.
Heute in dieser Auszeit beginnen wir damit, fühle dich herzlich willkommen.
Von Herzen
Stephania