22/01/2026
WIE MAN ZAUBERSPRÜCHE ERSTELLT (Teil2/3): "DER 2. MERSEBURGER ZAUBERSPRUCH: BEINBRUCH & VERRENKUNG"
„Phôl ende Wuodan fuorun zi holza. dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit. thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister; thû biguol en Frîja, Folla era swister; thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda: sôse bênrenki, sôse bluotrenki, sôse lidirenki: bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.“
Übersetzung nach Wikipedia:
„Phol und Wotan ritten in das Gehölz. Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt. Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester von Sunna, da besprach ihn Frija, die Schwester von Folla, da besprach ihn Wotan, der es wohl verstand: Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!“
Carstens Übersetzung mit dem germanischen Wörterbuch:
„Beschwingt fuhr Wodan ins Holz hinein. Da verrenkte sich Balders Fohlen den Fuß. Da besprach ihn Sinthgunt, Schwester der Sunna. Da besprach ihn Frija, Schwester der Folla. Da besprach ihn Wodan, der‘s wohl verstand. Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung – wie geleimt sollen sie sein.“
Spannend: Diese kleine Erzählung, könnte man meinen, hat nicht viel zu geben: Da ritt einer aus, des Fohlens Bein ist verrenkt/ gebrochen und er heilt es durch einen Zauberspruch. Gut, ein Zaubermärchen eben, ginge es nicht gleich um mehrere Göttinnen, die niemand kennt und deren Namen sonderlich klingen.
Wird hier vielleicht Tageszeiten-, Jahreszeiten- oder gar ein Sonnenmythos erzählt, fragen sich die Geschichtskenner und kommen nicht überein. Auch der Baldermythos könnte eine Rolle spielen: Baldur, der Gott des Lichtes, wird von Alpträumen an seinen eigenen Tod geplagt, der dann wiederum den Weltuntergang einleitet.
„In Analogie zu den bösen Träumen Baldrs wurde das Straucheln des Fohlens als Vorzeichen für Balders Tod und damit verbunden Ragnarök gewertet. Ragnarök ist in der nordischen Mythologie letztlich die Vorbedingung für das Entstehen einer neuen Welt nach dem Tod der alten Götter.“ (in Beck „Merseburger Zaubersprüche“) Die Heilung des Pferdes könne dann gleichzusetzen sein, mit der Wiederauferstehung Balders (Parallelisierung von Krankheit/ Tod und Heilung/ Wiedergeburt.)
Desgleichen könnte der zweite Merseburger Zauberspruch auch als Astralsage gewertet werden. Ralf Koneckis-Bienas betont: Phol, das Pferd von Balder, könnte als Venussinnbild gedeutet werden. Wodan (Merkur) und Venus reiten ein Stück gemeinsam von der Sonne fort, was der Astronom „östliche Elongation“ nennt. „Als innere Planeten können sie sich aber nicht allzu weit von der Sonne wegbewegen. Die Sonne hält ihr >Venuspferdchen< immer am Zügel. Plötzlich scheut das Himmelspferd und bleibt ruckartig stehen, was als Beinverrenkung aufgefasst wird (der Stillstand der Venus). Erst nach Heilung des Beins kann das Venuspferd zurücklaufen. Die Venus als Pferd der Sonne ist in zahlreichen Mythen Europas belegbar. Hinzu kommen Felsbilder der nordischen Bronzezeit, die zeigen: diese Astralsage war den Menschen geläufig.“
Ich glaube auch, dass hier in Metaphern (bildliche Umschreibung der gemeinten Worte) gesprochen wird, was typisch für Zauberlieder/ Kenningar wäre, aber eben die korrekte Ausdeutung recht schwierig macht. (vgl. Kasor im Buch „Runenwissen“) Vielleicht muss man gar nicht so weit in die Ferne, in die Gestirne schauen, auch wenn schon der große Wunderheiler Paracelsus feststellte, dass die Gestirne eine große Wirkung auf die Menschen und damit einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit haben. –
Vielleicht ist hier jedoch „nur“ eine Seelenreise gemeint, die Wodan sehr erregt auf seiner Suche nach Wissen antritt. „Er fuhr in das Holz hinein“, das klingt, wie schnell, vielleicht zu schnell, womit ein Unfall/ eine Irrung vorprogrammiert wäre. Das Holz/ der tiefe Wald könnte ein Synonym für die Weiten des Unterbewusstseins sein/ unserer Seele. Wodan ist auf Balders Fohlen unterwegs, nicht auf Baldurs – „Bal“ ist das glänzende Licht, „dur“ z.B. als engl. „door“ die Tür/ das Tor, eine Lichttür quasi. Bal-„der“ hingegen ist nach dem germanischen Wörterbuch, derjenige, der sein eigenes Licht niedersenkt/ selbst niederhält/ auf Irrwegen ist. Wer sein Licht/ sein Selbst längere Zeit niederhält, wird krank – logisch, oder?
Jetzt kommen die vermeintlichen Göttinnen – sie scheitern, zumindest nach der „Originalübersetzung“. Ich meine, es sind Metaphern für die Herangehensweise an Krankheit. „Sinthgunt“ („sintha“ = sinnen/ streben/ wahrnehmen/ bezeugen; „gunthja/ gunda“ = Kampf/ Geschwür) ist für mich das Bemerken der Irrung/ der Dunkelheit („Schwester der Sonne“), das Tagesbewusstsein/ der Kampfgedanke/ die Krankheitseinsicht/ das Gesund-werden-wollen, als 1. Schritt, damit Heilung überhaupt möglich ist! Eine mögliche Übersetzung wäre auch: Sie besprach ihn Tag und Nacht – sie umgab ihn also längere Zeit mit Heilenergie. –
Frija, die personifizierte Liebe, als große Mutter, Schwester der Fülle, bringt die Lebensfreude, den Frieden und die Harmonie zurück. (Die Krankheit ist nicht unser Feind, sondern Sprachrohr der Seele – allein sie anzunehmen/ verstehen zu wollen, heilt.) – Wodan/ Odin als Odem-Geber, als Erregung und Antrieb bringt nicht allein den Erfolg, aber er gint das notwendige Maß an Lebensenergie dazu. Heilung folgt auf die Trinität von Erkenntnis – Liebe – Lebenskraft!
Zuletzt die Schlussformel/ der Heil-Befehl: „Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung“ („Wie im Himmel so auf Erden“), „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern“ („sei alles im Fluss“), „wie geleimt sollen sie sein“ („in göttlicher Ordnung“).
Ob diese Interpretation stimmig ist oder nicht, ist vollkommen gleich – es können auch mehrere Wahrheiten nebeneinanderstehen und ihren Wert entfalten. –
Eigentlich geht‘s uns eher um den Aufbau der altgermanischer Zauber- und Runenlieder, so dass sie ihre Wirkung entfalten! Auffällig ist wieder: uns wird 1. eine Geschichte erzählt; 2. werden die Götter auf den Plan gerufen; 3. ein kurzer, knackiger Befehl (oder drücken wir es zarter aus: Heilwunsch) schließt der Zaubervers ab. – Wieder gibt es Reime und Wortwiederholungen, die die Wirkung im Hörer erheblich verstärken – die Repetitio ist ein klassisches Stilmittel guter Rhetorik. Wieder die Zahl 3: 3x wurde die Krankheit besprochen („biguoal/ bigalan“), womit wir auch einen Hinweis bekommen, was bei Krankheit zu tun ist: wir sollen sie besprechen/ besingen/ sie mit Runen beraunen. Das lässt den Raum anders schwingen, was potentiell die Krankheitsschwingung vertreibt/ harmonisiert. Auch die Abschlussformel orientiert sich an der magischen Dreieinheit und dem schlussendlichen Heilbild.
(aufgeschrieben von Kiehne nach Höffgen & Beck; das Bild stammt aus dem Buch "Walhall" von Doepel; praktische Übungen hierzu gibt es in unserem Seminar "RUNEN III - DIE SELBSTHEILUNGSKRÄFTE AKTIVIEREN")