13/04/2026
GUSTAV ADOLPH DIPPE (1824-1890): MAN ERNTET; WAS MAN SÄT
(Auszug aus unserem Buch "QUEDLINBURGER - CLEVER, CHARMANT & CHARISMATISCH")
ippe war einer der ersten Landwirte in Deutschland, die die Idee gewissenhaft verfolgten, Saatgut systematisch zu verbessern, was durch Auslesen und planmäßige Zuchtwahl geschah. Doch nicht dies war sein großes Geheimnis, denn es hieß, er würde sich darauf verstehen, die Winde und das Wetter zu rufen, den Boden zu veredeln und mit den Pflanzen zu sprechen. Einmal hatte Dippe einen jungen Gärtner gerade neu angestellt und lernte ihn persönlich an. Dem Jungen aber ging die Aussaat viel zu langsam. „Warum Herr Dippe, wenn ich fragen darf, säen sie alles so akkurat? Den Samen zu streuen, würde doch viel schneller gehen?“ – „Ich tue das, weil‘s der Boden merkt, ob man’s ernst meint und besser wird, wenn man gut zu ihm ist. Wirfst du die Samen achtlos aufs Feld, erntest du bestenfalls Blätter. Gibst du die Samen mit Liebe in den Acker, erntest du Geschichte.“
Es war ja auch nicht so, dass Dippe allein in diesen Zeiten Äcker um Quedlinburg hatte und von dem guten Boden profitierte, bei ihm aber wuchs alles höher, schöner und reicher, worauf man in Quedlinburg sagte: „Die einen säen Rüben, die anderen Blumen … Dippe aber sät Hoffnung und erntet Erfolg!“ – Scheinbar wusste Dippe auch genau, wann es Regen gibt. Manche meinten, er hätte eine Tonne mit Wasser hinterm Haus gehabt. Wenn er in die Tonne blicke, darin den Himmel gespiegelt sehe, wüsste er, was geschieht. Wäre das Wasser still und blauer Himmel zu sehen, gäbe es Sonne; würde es zu Wellen aufgeworfen, käme Wind; spritze das Wasser, wie von Bomben aufgetrommelt, sei Regen im Anflug; säße ein Frosch drin, käme Unwetter. –
Die Tonne hätte er von Peter Mette, der vor ihm ein erfolgreiches Saatzuchtunternehmen in Quedlinburg leitete und nach dem heute die Berufsbildende Schule in Quedlinburg benannt ist, weil es eben auch bei den Schülern gelte, den Samen zu veredeln und durch Bildung bestes Wachstum bis zur Blüte hervorzurufen. – Einmal wurde Dippe von Robert Bosse, einem aufstrebenden Politiker gefragt, was ihm der Tag wohl bringen möge, Dippe soll doch einmal sein Wunderfass begucken: Da schritt Dippe zur nächstbesten Regentonne, ging dreimal herum, sonderliche Verse murmelnd, schaute hinein und machte ein banges Gesicht. Ich sehe, dass viel Nässe kommt und ihr mich empört scheltet. „Dippe, das kann nicht sein. Es ist beste Sonne und ich bin euch stets gewogen!“
Nun schlug Dippe mit der Faust in die Tonne, dass Bosse einen Wasserschwall abbekam. „Möge euer Geist wachsen, dass ihr mich nicht für einen Scharlatan haltet!“ – Erzürnt rief der Politiker: „Sie Sauhund!“, hielt aber plötzlich inne und lachte, denn tatsächlich war er nass und aufbrausend geworden, ganz wie Dippe es vorhersagte. – Von nun an hatte unser Saatzüchter alle Hände voll damit zu tun, neugierige Quedlinburger abzuwimmeln, die auch mal wollten, dass Dippe ins Zauberfass guckt. Bosse hatte es freilich überall rumerzählt, doch die Pointe „vergessen“. – Bald stand an dem Regenfass ein Schild: „Fassorakel – gucken kostet einen Groschen!“
Einmal stellte Dippe seine neue Kartoffel vor, eine „echte Wunderknolle“, die aber nicht bei jedem gut ankam. Meister Baumhackel aus Ditfurt – ein Griesgram vorm Herrn – meckerte: „Ich brauche keine Modekartoffel, meine Vorfahren aßen mehlig, ich esse mehlig – basta.“ – Da schlug Dippe, ein wahrer Gentleman, einen Wettstreit vor: Man würde jeweils einen Hektar bepflanzen und danach die Ausbeute beschauen. Baumhackel hatte 17 Zentner pro Morgen, Dippe aber satte 25. „Das tut nichts zur Sache“, schimpfte der Ditfurter. „Schmecken muss es och!“ Da ließ Dippe noch auf dem Feld ein kostenloses Festessen für alle zubereiten, wovon der Baumhackel nahm, aß, schwieg und plötzlich aufstand und sagte: „Dippe, du Teufelszüchter, ich nehme zehn Zentner deiner Erdäpfel!“ Seitdem sagt man in Quedlinburg: „Man erntet, was man sät – aber wenn’s gut werden soll, lass Dippe säen.“
(aufgeschrieben von Carsten Kiehne in "QUEDLINBURGER - CLEVER, CHARMANT & CHARISMATISCH", für 19,90€ überall bestellbar)
GUSTAV ADOLF DIPPE:
Geboren 1824 in Quedlinburg, gestorben 1890 in San Remo, beerdigt auf dem Wiperti-Friedhof, wobei das Grab leider nicht erhalten ist. Er gründete 1850 gemeinsam mit seinem Bruder die Gebrüder Dippe AG und erweiterte die von seinem Vater geerbten 7,5 Hektar Ackerfläche auf sage & schreibe 2.500 Hektar. Kurz vor Enteignung des Saatgutbetriebes hatte die Gebrüder Dippe AG über 2.500 Mitarbeiter. Den größten Erfolg verdankte Dippe der Zuckerrübe, einer damals noch jungen Kulturpflanze. Sein Unternehmen, das als vielseitigstes Großzüchtungsunternehmen der Welt galt, deckte zeitweise ca. 12% des Weltbedarfs an Zuckerrübensamen! Die Pflanzenzüchtung im Geiste Dippes wird heute noch im Julius-Kühn-Institut fortgeführt.