31/01/2026
In der Stille einer Sitzung erkenne ich oft dieselben Muster: Selbstzweifel, Perfektionismus, der harte innere Kritiker, der kaum einen Raum lässt, um einfach Mensch zu sein. Diese Stimmen scheinen uns zu schützen, doch oft schützen sie uns nicht wirklich. Sie schränken uns ein, halten uns in alten Rollen fest und hindern uns daran, uns weiterzuentwickeln. Wenn wir ihnen zu viel Glauben schenken, verpasst unser inneres Selbst den Moment, in dem Wachstum geschieht.
Das was Branden ausspricht, ist einfach und doch tief: Wir dürfen die Lügen erkennen, benennen und hinterfragen. Das geschieht nicht mit Schuldgefühlen, sondern mit Neugier. Wie hat sich diese Überzeugung in meinem Leben eingerichtet? Welche Erfahrungen haben sie genährt? Und was würde passieren, wenn ich dieser Überzeugung einen anderen Ursprung gebe – nicht als Strafe, sondern als Teil meiner menschlichen Lernreise?
Ich erinnere mich an Klienten, die mit der Überzeugung kamen: „Ich bin nicht gut genug.“ Wir gingen Schritt für Schritt die Entstehung dieser Überzeugung durch. Wir entwirrten, wie Erfahrungen aus der Kindheit, Erziehungserwartungen oder negativen Feedback-Ketten diese Meditation über uns selbst geformt hatten. Und dann begann eine neue Praxis: das Führen eines Tagebuchs der Realität statt der Angst. Wir hielten fest, was wahr ist – konkrete Fähigkeiten, kleine Erfolge, freundliche Gesten, die sie sich selbst schenkten. Wir sammelten Beweise für eine andere Geschichte: diejenige, die zeigt, dass Mensch-sein bedeutet, unvollkommen zu sein und trotzdem wertvoll.
Wenn wir die größte Lüge erkennen und ihr die Möglichkeit geben, aus dem Zentrum unseres Lebens zu treten, öffnet sich Platz für echte Selbstakzeptanz. Und mit Selbstakzeptanz kommt Mut: der Mut, neue Wege zu gehen, Fehler als Lernschritte zu sehen und Beziehungen – zu sich selbst und anderen – aufrichtig zu gestalten.
Die größte Lüge, die wir glauben, ist die über uns selbst. Doch sie ist auch die größte Einladung: die Einladung, uns neu kennenzulernen, mit Geduld und Demut, und zu entdecken, dass hinter jeder verkrusteten Überzeugung ein lebendiges, lernendes Wesen steckt – bereit, zu wachsen.