11/11/2025
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Mein erstes Weihnachten hatte keinen Baum, nur den Duft von Mandarinen, das Kratzen eines alten Kassettenrekorders und einen Schal, der mir wie eine verspätete Umarmung um den Hals lag.
Es ist Heiligmorgen 2023, kurz nach sechs. Ich komme aus der Nachtschicht, der Schnee ist zu grauem Brei gedrückt, und auf dem Beifahrersitz liegt ein weinroter Wollschal. Er riecht noch immer nach Kreide, kalter Luft und ein wenig nach Zitrus.
Ich parke vor meiner alten Grundschule. Das Gebäude wird bald geschlossen und mit der Schule am Hügel zusammengelegt. Ein Aushang hängt schief an der Glastür und sagt in Verwaltungsdeutsch, was man mit einem einzigen Satz hätte sagen können: Hier geht etwas zu Ende.
Ich bleibe im Wagen sitzen und lasse die Hände über den Schal gleiten. Die Wolle ist stumpf geworden, einzelne Fäden stehen ab wie kleine Blitze. In meinem Kopf rauscht es, und dieses Rauschen ist das Geräusch eines Winters, den ich nie vergessen habe.
Es war der letzte Schultag vor Weihnachten 1988. Die Fenster waren mit ausgeschnittenen Schneeflocken beklebt, an jedem Henkel hing ein dünner Stern aus Goldpapier. In der Klasse roch es nach nassem Mantel, Klebestift und Mandarinen.
Frau Gaier stellte den Kassettenrekorder auf den Lehrertisch und drückte die Playtaste. Die Weihnachtslieder stolperten, als wären sie auf einem zu glatten Gehweg unterwegs, doch ihre Augen lächelten über den Fehler hinweg. Sie verteilte Mandarinen und eine kleine Kerze in einem ausgewaschenen Marmeladenglas.
„Heute schreibt ihr einen Wunsch auf euren Stern“, sagte sie.
Ich drehte den Stern zwischen Fingern, bis das Gold abfärbte. Die anderen Kinder schrieben von Puppen, Parka und kleinen elektronischen Wundern, deren Namen ich kaum aussprechen konnte. Mein Bleistift zögerte.
„Weißt du schon, was du willst?“, fragte sie leise, als sie an meinem Tisch stehen blieb.
Ich nickte, doch ich wusste es nicht. Ich wusste nur, wie es ist, wenn die Heizung abends aufgibt, wenn die Küche noch nach Arbeit riecht und meine Mutter versucht, mit Humor zu kochen, obwohl sie müde ist. Ich schrieb schließlich so klein wie möglich: Ein Ofen, der länger warm bleibt.
In der Pause winkte mich Frau Gaier in den Flur. Ihre Hände waren hell von der Kreide, die Fingerkuppe des Zeigefingers hatte einen kleinen Riss. Sie musterte meinen nassen Schalersatz, der eher ein müder Kragen war, und sagte nichts, nur dieses liebevolle Stirnrunzeln.
„Ist dir kalt, Christian?“
„Es geht“, sagte ich, und dabei bibberte meine Stimme.
Sie legte mir den weinroten Schal um den Hals und band ihn, als würde sie einen Knoten in etwas anderes machen, etwas Unsichtbares.
„Kälte ist nur geliehene Zeit“, sagte sie. „Bis deine eigene Wärme dich wiederfindet, darfst du dir welche leihen.“
Ich nickte, aber die Worte brauchten einen Weg. Sie drückte mir eine kleine Dose in die Hand. Darin lagen zwei Stückchen Stollen, deren Zuckerstaub wie frischer Schnee aussah.
„Für den Weg nach Hause“, sagte sie.
Auf dem Heimweg schluckte ich einen der Bissen viel zu schnell, weil er nach Feierabend ohne Feier schmeckte. Der Schal kratzte angenehm, als erinnere er mich daran, dass ich atme. Zu Hause tat Mama so, als wüsste sie nichts, doch sie strich mir über die Stirn, und ich verstand, dass sie alles wusste, was wichtig ist.
Am Abend ließ ich den Stern im Ranzen. Ich wollte ihn noch nicht abgeben. Ein Wunsch, der ausgesprochen ist, gehört der Welt. Ein Wunsch, der wartet, gehört noch ein bisschen mir.
Im Wagen vor der Schule nehme ich jetzt den Ranzen meines erwachsenen Lebens, einen abgenutzten Rucksack. Der Stern liegt darin, vergilbt und weich an den Kanten. Ich habe ihn vorgestern beim Aufräumen gefunden. Mein Herz klopfte, als wäre jemand in der Gegenwart plötzlich aus der Vergangenheit getreten.
Der Hausmeister, ein geduldiger Mann, schließt mir die Turnhalle auf. Ich erkläre ihm, dass ich nur ein paar Stunden bleibe, ein wenig Tee koche, ein paar Mandarinen aufschneide. Keine Veranstaltung, nur eine offene Tür. Er nickt und lässt mich machen.
Die Halle ist groß und kühl, aber sie atmet vertraut. Ich stelle zwei Klapptische an den Rand, puste Staub von einer alten Wasserkocherplatte und hänge einen Zettel an die Tür. Wenn dir kalt ist, komm rein und leih dir Wärme.
Die ersten, die kommen, sind der alte Herr aus der Seitenstraße und die Frau, die mit Katzen spazieren geht. Sie setzen sich schüchtern, als würden sie Eintritt zahlen müssen, und lächeln vorsichtig, als der Wasserdampf über dem Beuteltee aufsteigt. Ich lege ein Lied an, das ich im Telefon habe. Es klingt sauberer als damals, so sauber, dass ihm fast das Herz fehlt.
Eine junge Frau tritt ein. Sie trägt einen Kinderwagen, und der Junge darin hat einen nackten Hals. Seine Mütze sitzt schief wie ein Gedanke, der noch nicht zu Ende ist. Die Frau entschuldigt sich für die Störung, als ob Wärme Privatbesitz wäre.
Ich lege den Schal auf die Lehne des Kinderwagens.
„Darf ich?“, frage ich.
Sie nickt überrascht.
Ich wickle dem Jungen den Schal um. Er sieht ernst zu mir hoch, diese neue Ernsthaftigkeit von Kindern, die zu viel wissen und trotzdem spielen wollen. Ich höre mich etwas sagen, was mir nicht gehört, und merke dabei, wie sehr es doch meines geworden ist.
„Kälte ist nur geliehene Zeit. Heute geben wir sie zurück.“
Der Junge greift nach einer Mandarine, und schon beim Schälen riecht der ganze Raum nach Nachmittagen, die keine Hausaufgaben mehr kennen. Die Frau atmet aus, als hätte sie seit Tagen die Luft gehalten. Der alte Herr erzählt plötzlich, wie er als Kind im Winter im Treppenhaus Geige geübt hat, weil es dort am hellsten war. Die Katzenfrau lacht zum ersten Mal, seit sie hereinkam, und behauptet, die Wärme möge auch Katzen, sie tue nur so, als ob nicht.
Ich nehme den Stern aus dem Rucksack. Neben die alte Bitte schreibe ich mit ruhiger Hand eine zweite Zeile. Mein Ofen hält heute, weil die Tür offen ist. Wer friert, setz dich.
Ich pinne den Stern an die Sprossenwand. Die Nadel knackt leise durch das Papier, ein so kleines Geräusch, und doch klingt es wie ein Anfang. Draußen wirbelt der Wind eine Hand voll Flocken gegen das Fenster. Drinnen machen Atmen und Becherklirren einen Takt, dem man trauen kann.
„War diese Schule schön?“, fragt die junge Frau.
„Ja“, sage ich. „Nicht weil alles besser war. Weil jemand da war, der seinen Schal hergegeben hat.“
Sie nickt.
„Vielleicht sind die guten alten Tage nur die Tage, an denen jemand teilt.“
Ich sehe zu dem Stern und denke an Frau Gaier, an ihre rissige Fingerkuppe, an den Ton, mit dem sie Wörter weich machte, die hart sein könnten. Ich wünschte, sie sähe, was ihr Satz getan hat.
Als die kleine Runde sich auflöst, bleibt der Schal beim Jungen. Die junge Frau fragt, wie sie ihn zurückgeben kann. Ich schüttle den Kopf.
„Er gehört schon weiter“, sage ich.
Wir räumen zusammen. Die Halle wird wieder groß, aber nicht leer. Auf der Tür bleibt der Zettel, auf der Sprossenwand der Stern, in den Tassen der letzte Rest von etwas, das nicht Tee ist.
Vor dem Hinausgehen schreibe ich unter den Zettel einen Satz.
Wärme lässt sich nicht behalten. Man kann sie nur weiterreichen.
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