19/06/2014
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Die Masern sind eine hochansteckende Krankheit. Eine einzige ungeimpfte, mit Masern infizierte Person, kann zu einem Ausbruch der Krankheit in der Bevölkerung führen. Keine Bevölkerungsgruppe ist komplett isoliert und keine Bevölkerungsgruppe ist zu 100% gegen Masern geimpft. Durch Reisen, Umzüge und Einwanderungen unterhalten wir stets Kontakte zu anderen Bevölkerungsgruppen auf der Welt. Selbst wenn innerhalb einer Bevölkerungsgruppe keine Masern kursieren, dort also niemand erkrankt ist, besteht jederzeit die Möglichkeit, dass die Infektionskrankheit durch Kontakte von einzelnen Personen zu anderen Bevölkerungsgruppen eingeschleppt wird.
Je mehr ungeimpfte bzw. empfängliche Personen es in der Bevölkerung gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es dort zu einem Krankheitsausbruch kommt. Wenn diese empfänglichen Personen dazu noch eine in sich geschlossene Untergruppe bilden, also nicht zufällig in der Bevölkerung verteilt sind, sondern viele Kontakte zu anderen empfänglichen Personen haben, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruches, der mehrere Personen betrifft. In der Realität kann dann ein einzelner Überträger, die Masern in eine empfängliche Bevölkerungsgruppe einschleppen und innerhalb kürzester Zeit mehrere Tausend Menschen anstecken, wie z.B. 2009 als ein ungeimpfter LKW-Fahrer sich bei einem Ausbruch in Hamburg infizierte und die Masern nach Bulgarien einschleppte und die dort ca. 24.000 Erkrankte und 24 Todesfälle zur Folge hatten.[1][2]
Im Falle eines Masernausbruchs ist es also wichtig, nicht einfach abzuwarten, bis sich die Sache von selbst erledigt hat, sondern 1. die Ursache herauszufinden, 2. zu untersuchen, welche Personen erkrankt sind und in welchem Umfeld sie leben (geimpft/ungeimpft) und 3. gegebenenfalls ungeimpfte Personen von anderen Personen zu isolieren. Einfache Isolationsmaßnahmen wären beispielsweise der Verzicht auf den Besuch der Schule, Kinderbetreuungseinrichtung oder des Arbeitsplatzes. Diese Maßnahmen sind in Deutschland z.B. durch das Infektionsschutzgesetz gedeckt.[3]
Eine aktuell veröffentlichte Studie der amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC) beschäftigt sich mit einem Masernausbruch im Bundesstaat Minnesota, der 2011 zu 21 Erkrankungen führte. In Minnesota lebt die größte Gruppe von Amerikanern somalischer Abstammung in Amerika. Genau diese Bevölkerungsgruppe war vorwiegend von dem Masernausbruch betroffen.
In der Studie wurde untersucht, inwiefern sich die Impfrate der Bevölkerung nicht-somalischer Abstammung zu der Impfrate der Bevölkerung somalischer Abstammung unterscheidet. Dazu verglich man die Impfrate in den Jahren vor dem Ausbruch, beginnend mit dem Jahr 2004. Im Rahmen dieser Studie zählt jedes Kind, das mindestens eine Dosis der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) erhalten hatte, als geimpft.
Die Impfrate in der nicht-somalischen Bevölkerung war in dem untersuchten Zeitraum 2004 bis 2010 sehr stabil, es ließ sich sogar ein leichter Trend eines Impfratenanstiegs erkennen. 2004 betrug die Impfrate dort 87,2%, 2010 dann 88,3%.
Die Impfrate in der Bevölkerung somalischer Abstammung zeigte jedoch auffällige Abweichungen. 2004 war die Impfrate dort 91,1% und blieb dann ähnlich stabil wie im restlichen Teil der Bevölkerung, bis es im Jahr 2008 einen scharfen Knick abwärts gab. 2010 betrug die Impfrate innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe dann nur noch 54%.
Anfang 2011 kam es zu dem Masernausbruch in diesem Teil der Bevölkerung. Der Ausbruch ließ sich auf ein zweieinhalbjähriges, ungeimpftes Kind somalischer Abstammung zurückführen, das mit seiner Familie am 01. Februar 2011 aus Afrika zurückkehrte. Am 11. entwickelte das Kind Fieber, Husten und Erbrechen. Am 14. Februar befand sich das Kind in einer Kinderbetreuungseinrichtung. Am 15. Februar entwickelte es einen Hautausschlag, am 16. Februar wurde es in die Notaufnahme gebracht, wo eine beidseitige Mittelohrentzündung, eine Entzündung der Bronchien und Dehydration (Austrocknung) diagnostiziert wurde. Masern wurden nicht verdächtigt. Durch dieses Kind wurden drei weitere Kinder in der Betreuungseinrichtung angesteckt und ein weiteres Kind in der Familie (ein viermonatiges Baby, der jüngste Patient dieses Ausbruchs). Durch diese Kinder wurde die Krankheit nun in einer Wohneinrichtung, einer anderen Kinderbetreuungseinrichtung und auch in zwei medizinischen Einrichtungen weiterverbreitet. Die Patient 0 wurde erst identifiziert, nachdem bereits 5 Masernfälle aufgetreten waren.
Insgesamt wurden mehr als 3.000 Menschen dem Erreger ausgesetzt, davon erkrankten 21 Personen (19 Kinder unter 18 Jahren). 14 Erkrankte mußten im Krankenhaus behandelt werden. Während des Monitorings wurden 2 weitere Importfälle entdeckt, die durch andere als den ursächlichen B3-Genotypen ausgelöst wurden.
16 der Erkrankten waren ungeimpft, 9 davon im impffähigen Alter. Bei drei Erkrankten war der Impfstatus unbekannt. Bei einer Person, einem Mitarbeiter in einer medizinischen Einrichtung, wurde fälschlicherweise von einer Immunität ausgegangen, da ein positiver Antikörpertest in der Vergangenheit vorlag. Ein Erkrankter war zu einem früheren, als dem empfohlenen Zeitraum geimpft worden. Die Zweitimpfung war noch nicht erfolgt.
Sieben der 16 ungeimpften Erkrankten waren zu jung für die Impfung. Von den neun Kindern, die im impffähigen Alter waren, wurden sieben nicht geimpft, weil die Familien fälschlicherweise glaubten, die MMR-Impfung würde Autismus auslösen, 6 davon waren somalischer Abstammung. 2 weitere wurden verzögerungsbedingt noch nicht gegen MMR geimpft.
Der Ausbruch konnte durch verschiedene Maßnahmen eingedämmt werden. Menschen, die Kontakt zu Erkrankten hatten, wurde eine freiwillige Quarantäne nahegelegt. Es wurden Impfungen und Immunglobuline (Antikörper gegen Masern) verabreicht und es gab Veranstaltungen, auf denen über die Krankheit und Präventionsmaßnahmen aufgeklärt wurden.
Die Untersuchung dieses Ausbruchs zeigt, wie effektiv Strategien zur Eindämmung einer Krankheit sind. Durch Maßnahmen wie einen zeitweisen Verzicht auf den Besuch von Betreuungseinrichtungen und Schulen läßt sich die Kette der Ansteckung unterbrechen. Allerdings zeigt dieser Ausbruch auch, daß Nichtimpfen keine individuelle Entscheidung ist. Ein Drittel der Erkrankten war zu jung für die Impfung, die Familien dieser Kinder hatten keine Möglichkeit, sich für die Impfung zu entscheiden. Sie müssen mit den Folgen der "individuellen" Nichtimpfentscheidung anderer Familien leben.
Diese Untersuchung zeigte aber auch auf, dass effektive Risikoeinschätzung der verunsicherten Eltern unterbunden wird, indem das Risiko durch Masern als vernachlässigbar angesehen wird, wenn Autismus als Impffolge projiziert wird. Impfgegner Andrew Wakefield[4] hatte mehrfach Auftritte in Gesprächsrunden der Somali-Gemeinschaft auch während des Ausbruchgeschehens. Impfgegner handelten deutlich aktiver in sozialen Eltern-Netzwerken und nutzten die Angst der Eltern vor Autismus, um deren Nichtimpfentscheidung zu festigen. Eine Entscheidung, von deren Folgen alle betroffen sind.
Studie:
http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2014/06/03/peds.2013-4260
Mediale Berichterstattung:
http://www.cbsnews.com/news/how-one-unvaccinated-child-sparked-minnesota-measles-outbreak/
Bild: Übersetzt von Für Impfen, Nutzung mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Rice, Canada
Quellen:
[1] http://www.psiram.com/ge/index.php/Masernausbrüche_an_Waldorfschulen
[2] http://scienceblogs.de/bloodnacid/2012/05/09/impft-eure-kinder-die-masern-sind-zuruck/
[3] http://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/
[4] http://www.psiram.com/ge/index.php/Andrew_Wakefield