31/10/2020
Forscher der Universitätsklinik in Barcelona untersuchen in einer derzeit laufenden Studie die Behandlung von Impulsivität und Zwangsstörungen. Die Psychiater der Uniklinik konzentrieren sich dabei auf die Wirkung von Synbiotika.
Die Rekrutierung von Probanden endet voraussichtlich im April 2021.
Wir fanden die Studienbeschreibung so spannend, dass wir Euch einige interessante Passagen vorstellen möchten.
Wir haben diese Abschnitte für Euch ins Deutsche übersetzt. Wenn Ihr Fragen habt, dann schreibt uns bitte in die Kommentare oder sendet uns eine Nachricht.
Wir wiederum sind neugierig zu erfahren: Könnt Ihr Euch vorstellen, einen Stuhltest bei Euch selbst durchführen zu lassen? Oder Probiotika einzunehmen? Schreibt uns!
Die Forscher berichten:
„Impulsivität und Zwanghaftigkeit hängen mit emotionaler und sozialer Fehlanpassung zusammen; sie liegen häufig psychiatrischen Störungen zugrunde. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Veränderungen in der Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung und das Sozialverhalten über die Darm-Hirn-Achse haben. Die genauen Mechanismen sind jedoch nicht vollständig identifiziert.
Aktuelle Erkenntnisse deuten auf die Wirkung von Synbiotika, die die Darm-Mikrobiota positiv verändern und so zur Linderung von Symptomen vieler psychiatrischer Erkrankungen beitragen. …
Wir nehmen an, dass eine gezielte und ergänzende Versorgung mit Synbiotika eine wirksame Behandlung bei Erwachsenen mit hoher Impulsivität und / oder Zwanghaftigkeit sein kann…
Impulsive und zwanghafte Symptome treten bei Menschen mit verschiedenen psychiatrischen Störungen wie Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) und / oder Zwangsstörung unverhältnismäßig oft auf..
Darmmikrobiom, Mikrobiota und Verhalten
Während sich der Begriff „Mikrobiota“ auf die spezifischen Mikroorganismen bezieht, die in einer bestimmten Umgebung gefunden werden, bezeichnet der Ausdruck „Mikrobiom“ die Sammlung von Genomen aller in dieser bestimmten Umgebung vorkommenden Mikroorganismen. Es wird angenommen, dass sich ein Ungleichgewicht (Dysbiose) in der Zusammensetzung der Darmmikrobiota negativ auf die Entwicklung, das Verhalten und die Wahrnehmung von Neuronen auswirken kann. So wurden bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASD) Veränderungen der Zusammensetzung des der Mikrobiota und damit des Mikrobioms festgestellt…
Die Beziehung zwischen Darmmikrobiota und Gehirn scheint in beide Richtungen zu wirken. Die Darmmikrobiota moduliert die Gehirnfunktion und -entwicklung; das Gehirn wiederum kann die Darmmikrobiota verändern und so die Besiedlung durch krankmachende Bakterien ermöglichen...
Einige Studien haben gezeigt, dass gastrointestinale (=Magen-Darm-Trakt) Symptome bei Patienten mit neurologischen Entwicklungsstörungen und neuropsychiatrischen Störungen signifikant häufiger auftreten…
Aber wie funktioniert diese bidirektionale Kommunikation - die Darm-Hirn-Achse? Das „enterische Nervensystem“ ist komplex und in Bezug auf Neurotransmitter und Signalmoleküle dem Gehirn ähnlich. So werden zum Beispiel 95% aller zirkulierenden Serotonin-, Dopamin- oder Noradrenalin-Vorläufer von unserer Darmmikrobiota produziert. Dieses System ist über hormonelle oder angeborene neuronale Wege mit dem zentralen Nervensystem (ZNS) verbunden... Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass die Darmflora entscheidend an der Regulation des Immunsystems beteiligt ist; während wiederum einige Studien das Immunsystem als wichtigen Faktor der Neuroentwicklung und der synaptischen Funktion im Gehirn identifiziert haben. Daher wird angenommen, dass Immunschwäche und / oder Autoimmunität mit vielen neuropsychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen wie ADHS verbunden sind. Ein Beleg für diese Annahme: die Beobachtung, dass bei Patienten mit ADHS ein vermehrtes Auftreten von immunvermittelten Störungen (z. B. Asthma, allergische Rhinitis, atopische Dermatitis, allergische Konjunktivitis, Psoriasis, Thyreotoxikose oder Typ-1-Diabetes) festgestellt wird…
Probiotische / synbiotische Interventionen
Probiotische Bakterien oder „Probiotika“ sind lebende, NICHT-pathogene Mikroorganismen, die normalerweise im Darm leben und durch Verbesserung des mikrobiellen Gleichgewichts zur Gesundheit des (menschlichen) Wirts beitragen.
Präbiotika wiederum sind unverdauliche Nahrungsstoffe, die das Wachstum und die Aktivität dieser probiotischen Mikroorganismen selektiv unterstützen.
Die synergistische (zusammen wirkende) Kombination von Probiotika und Präbiotika wird als Synbiotika bezeichnet.
Jüngste Erkenntnisse legen nahe, dass Probiotika und / oder Synbiotika nicht nur die Dysbiose (im Darm) rückgängig machen, sondern auch die Gehirnaktivität verändern und Wahrnehmung, Stimmung sowie Verhalten verbessern können. Wichtig ist, dass eine kürzlich durchgeführte Studie gezeigt hat, dass die orale Verabreichung von Lactobacillus in den ersten 6 Lebensmonaten das Auftreten von ADHS oder ASD im Alter von 13 Jahren senkte. Die genauen Mechanismen, durch die Probiotika und / oder Synbiotika ihre Wirkung ausüben, sind jedoch unbekannt. Jüngste Erkenntnisse deuten auf immunmodulatorische und entzündungshemmende Eigenschaften dieser Wirkstoffe hin...
Ziel der vorliegenden … Studie ist es, die Wirkung einer synbiotischen Formel … auf die Reduzierung impulsiven, zwanghaften und aggressiven Verhaltens zu untersuchen; … [dies geschieht] bei einer Stichprobe hoch impulsiver Erwachsener mit der Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und / oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD). In dieser Studie werden wir die Annahme testen, dass eine Supplementierung mit Probiotika durch Veränderung der Darmmikrobiota-Struktur und des Stoffwechsels impulsives, zwanghaftes und aggressives Verhalten in dieser spezifischen Gruppe reduziert und dadurch deren tägliches Leben verbessert. Darüber hinaus werden wir die Zusammensetzung der Darmmikrobiota in dieser Gruppe auf entzündliche und immunologische Auffälligkeiten hin analysieren, die den Kernsymptomen dieser Störungen zugrunde liegen können…
Aktueller Status der Studie
Diese Studie ist bei ClinicalTrials.gov (NCT03495375) registriert und wurde erstmals am 12. April 2018 veröffentlicht. Der erste Teilnehmer gab am 22. Februar 2019 seine Zustimmung und wurde am 27. Februar 2019 randomisiert. Die Rekrutierung von Probanden wird voraussichtlich am 1. April 2021 abgeschlossen sein Die Version des Protokolls (V2.0) wurde am 12. April 2019 von der Ethikkommission des Universitätsklinikums Vall d'Hebron, Barcelona, Spanien, genehmigt [PR (AG) 311-2018]."
Soweit unsere Auswahl interessanter Stellen. Könnt Ihr Euch vorstellen, einen Stuhltest bei Euch selbst durchführen zu lassen? Oder würdet Ihr Synbiotika ausprobieren? Schreibt uns in den Kommentaren oder sendet uns eine Nachricht. Vielen Dank im Voraus!
Hier noch der Link zum Originaltext: https://trialsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13063-019-4040-x
Schlagworte, Keywords:
Impulsivität, Zwanghaftigkeit, Stuhltest, Probiotika, Präbiotika, Synbiotika, Darm-Hirn-Achse, Darm-Mikrobiota, Darmmikrobiom, Mikrobiom, Mikrobiota, Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivitätsstörung, ADHS, Borderline-Persönlichkeitsstörung, BPD, Depression, Angst, Angststörung, Zwangsstörung, Autismus, Dysbiose