15/05/2026
Für alle Hundehalter lesenswert 😊
WENN DIE PFOTEN ZUR STOLPERFALLE WERDEN: WARUM DEIN SENIOR PLÖTZLICH „ÜBER SEINE EIGENEN FÜSSE FÄLLT“
In der Tierarztpraxis Ullmann hören wir oft: „Ach, er wird halt alt, er ist jetzt ein bisschen tollpatschig und stolpert ab und zu.“ Doch Stolpern ist bei Hund und Katze kein Zeichen von liebenswürdiger Altersschwäche, sondern ein medizinisches Alarmsignal.
Wenn ein Tier stolpert, schleift oder einknickt, stimmt etwas in der Kommunikation zwischen Gehirn und Pfote nicht mehr. Heute gehen wir ganz tief in die Anatomie und Physiologie, um zu verstehen, warum das passiert und was wir dagegen tun können.
DIE ANATOMIE DER BEWEGUNG: DAS „STROMLIETUNGS“-SYSTEM
Damit ein Hund oder eine Katze einen sauberen Schritt macht, müssen drei Systeme perfekt zusammenarbeiten:
Das Steuerzentrum (Gehirn): Gibt den Befehl: „Fuß heben!“
Die Autobahn (Rückenmark & Nerven): Leitet den elektrischen Impuls blitzschnell an die Beine weiter.
Die Ausführungsorgane (Muskeln & Gelenke): Setzen den Befehl mechanisch um.
Der Schlüsselbegriff: Propriozeption (Tiefensensibilität)
Das ist der „6. Sinn“. Spezielle Rezeptoren in Sehnen, Muskeln und Gelenken melden dem Gehirn jede Millisekunde: „Wo genau befindet sich meine Pfote gerade?“ Wenn dieser Rückmeldefluss gestört ist, weiß das Tier nicht, dass seine Pfote gerade schief steht oder über den Boden schleift – und es stolpert.
DIE PHYSIOLOGIE DES STOLPERNS: WO LIEGT DER FEHLER?
Stolpern ist meist das Ergebnis von zwei Hauptproblemen: Kraftverlust oder Informationsverlust.
A. Das neurologische Problem („Die Leitung ist gestört“)
Wenn Nerven eingeklemmt sind (z. B. durch einen Bandscheibenvorfall, Spondylose oder das Cauda-Equina-Syndrom), kommen die Signale nicht mehr sauber an.
Symptom: Der Hund „schleift“ mit den Krallen über den Asphalt (man hört ein kratzendes Geräusch).
Die Folge: Die Pfote wird nicht hoch genug gehoben, die Krallen bleiben an kleinsten Unebenheiten hängen -> Das Tier stolpert.
B. Das orthopädische Problem („Das Scharnier klemmt“)
Bei Arthrose, Hüftdysplasie (HD) oder Schmerzen im Ellenbogen vermeidet das Tier große Bewegungen.
Symptom: Der Schritt wird kürzer und flacher, um Schmerzen zu vermeiden.
Die Folge: Durch den flachen Gang ist die Bodenfreiheit minimal. Jede kleine Kante wird zur Stolperfalle.
C. Muskelschwund (Atrophie)
Im Alter baut der Körper Muskeln ab. Wenn die Kraft in der Hinterhand fehlt, um den Körper aktiv nach vorne zu schieben und den Fuß anzuheben, „schlappt“ das Bein nur noch leblos mit.
WIE FINDEN WIR DIE URSACHE? (DIE DIAGNOSTIK)
Wir schauen in der Praxis nicht nur „mal kurz drüber“. Um die Ursache für das Stolpern zu finden, nutzen wir ein festes Protokoll:
Ganganalyse: Wir lassen uns das Tier im Schritt und Trab vorführen. Schleift eine Pfote? Knickt eine Hüfte ein?
Neurologische Tests (Der „Überkötungs-Test“): Wir stellen die Pfote absichtlich auf den Handrücken. Ein gesundes Tier korrigiert das sofort. Wartet das Tier sekundenlang, liegt ein massives Nervenproblem vor.
Abtasten & Triggerpunkte: Wir suchen nach Schmerzpunkten in der Wirbelsäule und den Gelenken.
Bildgebung (Röntgen/CT/MRT): Nur so sehen wir Spondylosen (knöcherne Brücken am Rücken), Bandscheibenschäden oder Gelenkverschleiß.
WAS KANN MAN TUN?
Stolpern muss man nicht hinnehmen! Je nach Ursache haben wir viele Möglichkeiten:
Schmerztherapie: Moderne Medikamente nehmen die Entzündung aus den Gelenken.
Physiotherapie: Gezieltes Training der Tiefenmuskulatur und Unterwasserlaufband helfen, die Nerven wieder „wachzukitzeln“.
Nahrungsergänzung: B-Vitamine unterstützen die Nervenregeneration.
Hilfsmittel: Pfotenschutzschuhe oder spezielle Bandagen können bei neurologischen Ausfällen helfen, die Krallen vor dem „Abschleifen“ zu schützen.
UNSER FAZIT AUS HEIDENHEIM
Stolpern ist oft der erste sichtbare Hinweis auf Schmerzen oder Nervenschäden, die wir behandeln können. Wenn euer Tier „patschig“ wird, wartet nicht, bis es stürzt und sich schwer verletzt. Ein frühzeitiger Check schont die Gelenke und erhält die Lebensfreude bis ins hohe Alter.
Ist euch bei eurem Hund oder eurer Katze auch schon ein „Schleifen“ oder Stolpern aufgefallen? Habt ihr vielleicht sogar schon ein Kratzgeräusch beim Gassi gehen gehört? Berichtet uns davon in den Kommentaren!
#2026