19/06/2022
Da auch ich die Sprachlosigkeit von Mechthild Schroeter-Rupieper teile und auch aus eigener Erfahrung dieses Verhalten an Schulen schon erlebt habe, teile ich hier ihren Beitrag.
Sprachlosigkeit
In Mülheim ist in der letzten Woche ein Unglück, ein Mord, u.a. vor den Augen von ca. 12 Schulkindern geschehen.
Der Todesfall ist für die betroffenen Familien furchtbar und auch für all die, die es miterleben mussten. Das steht außer Frage und mein Mitgefühl gilt den Kindern, An- und Zugehörigen.
Nun berichtet die WAZ darüber, dass die beiden Schulleiterinnen Material des Schulpsychologischen Dienstes an alle Eltern weitergeleitet haben. Den Vätern und Müttern wird direkt und durch den Zeitungsartikel öffentlich dazu geraten, Kinder NICHT auf das Geschehene anzusprechen, sondern abzuwarten, bis die mitbetroffenen Kinder auf einen zukommen.
Dieser Rat kann fatal sein! (Und solche Empfehlungen werden nicht nur hier, sondern an so vielen Stellen in so vielen Ländern ausgesprochen.)
Es empört mich geradezu, denn es wird hier wieder schwarz auf weiß sichtbar, dass sowohl dieser Schulpsychologische Dienst zu Trauerreaktionen und Trauerbegleitung bei Kindern und Jugendlichen oft wenig bis keine Ahnung hat und Schulleitungen, selbst ahnungslos, sich darauf verlassen.
Ich vermute, dass die Notfallseelsorge oder Trauerbegleiter*innen der Stadt zu Gesprächen und kindgerechter Information geraten hätten.
Die Crux ist, dass sowohl im Studium der Psychologie wie auch fürs Lehramt dieses wichtige Wissen um Verlust- und Trauererfahrung nicht gelehrt wird.
Ich weiß darum, weil wir Lehrer*innen und Psycholog*innen im Team und Ausbildungskursen haben, die Trauerarbeit z.B. bei Lavia und nicht in der ursprünglichen Ausbildung lernten.
Trotz vergangener Tragödien wie Amokläufe, dem Germanwings-Unglück, wo Schule mitbetroffen war, Todesfällen von Schüler*innen, Lehrer*innen und auch Eltern, gibt es kaum Lehrkollegien und Schulpsycholog*innen, die sich im Trauerbereich auf den aktuellen Wissenstand bringen.
Heute wie damals herrscht vielerorts große Sprachlosigkeit und damit einhergehend oft Handlungsunfähigkeit.
Meine Fragen an den Schulpsychologischen Dienst der Stadt Mülheim an der Ruhr und anderenorts sind:
- Wie sollen Kinder Fragen stellen, wenn Ihnen die Worte fehlen?
- Wie sollen Kinder beginnen zu reden, wenn die Erwachsenen verstummen?
- Wer hilft den Kindern, die nicht reden, aber denken, fantasieren und fühlen?
- Wen haben Kinder in der Trauer als Vorbild, wenn Schulpsycholog*innen und Lehrer*innen und Eltern schweigen und den nächsten Personen dazu raten, abzuwarten und nicht zu agieren.
- Wer hilft den Eltern dabei, Worte und mögliche Erklärungen, Trost und Zuversicht für das Geschehene zu finden und wer gibt ihnen die Informationen, um Kindern hilfreich zur Seite zu stehen?
- Wer steht den Kindern zur Seite, die Gewalt zu Hause erleben und nun noch mehr Ängste haben?
- Wer hilft den Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen, das Thema, das ja nun da ist, aufzugreifen?
- Und ja, wann bilden sich auch die Schulpsycholog*innen im Trauerbereich aus?
Was ist mit der Presse, nicht nur der WAZ Mülheim, die so oft gute Interviews und Berichte zur Familien-Trauerarbeit macht und nun hier Aussagen von Kindern bildlich und blutig wiedergibt und dazu diesen fatalen Ratschlag veröffentlicht und verbreitet?
In meinen Seminaren sage ich immer wieder:
„Das, was hier geschieht, ist zu vergleichen mit dem Beispiel:
Wir lassen Kinder in absolut schwarz/weißen Räumlichkeiten aufwachsen und betonen aber immer wieder: „… wenn das Kind nach einem roten Stuhl fragt, bekommt es den sofort.“
Na, bemerkt Ihr den Fehler?
Wann werden die farblich unwissenden Kinder nach roten Stühlen fragen und wann werden die Schüler*innen aus Mülheim (und anderorts) nach Hilfe zur Selbsthilfe fragen?
Nein, es soll kein Psycholog*innen und Lehrer*innen-Bashing sein.
Fallt nicht mit einem Sh*tstorm über sie her.
Es ist eine Anklage an die Bildungspolitik und es ist ein Aufruf an pädagogisches und lehrendes, insgesamt jedes Fachpersonal, umzudenken und umzulernen, da, wo man heute doch schon so viel weiter im Trauerwissen ist.
Es ist eine Forderung an uns alle als Geselllschaft, Fürsorge zu tragen.
Von Herzen wünsche ich den verwaisten Kindern liebevolle und sprachfähige Heimerzieher*innen und Pflegeeltern an der Seite und allen Betroffenen die notwendigen aktiven Angebote und Hilfe zur Selbsthilfe.
Ich habe den Post mit einem Anschreiben auch an die betreffende Schule weitergeleitet.
www.familientrauerbegleitung.de
https://www.familientrauerbegleitung.de/seminare.html