20/08/2025
Sie lag still am Rand des Gehwegs, den Kopf sanft auf den kalten Beton gelegt, die Augen halb geschlossen, als hätte der Schlaf sie endlich eingeholt.
Aber sie schlief nicht. Die Wahrheit war viel grausamer – sie war erschöpft davon, zu lange versucht zu haben, zu überleben.
Ihr kleiner Körper, obwohl von wunderschönen schwarzen, orangenen und weißen Flecken gezeichnet, konnte das Ausmaß ihres Leids nicht mehr verbergen.
Jedes vorbeifahrende Auto ließ den Boden neben ihr erzittern – doch sie bewegte sich nicht.
Sie hatte längst verstanden, dass die Welt nicht für Katzen wie sie stehen bleibt.
Die Menschen gingen vorbei, warfen ihr einen flüchtigen Blick zu und setzten ihren Weg fort.
Für sie war sie nur eine weitere Straßenkatze – ein Schatten mehr im Bild einer eiligen, gleichgültigen Welt.
Aber irgendetwas an ihr ließ mich stehen bleiben.
Vielleicht war es die Art, wie sie sich zusammenkauerte – als wollte sie etwas beschützen, das es längst nicht mehr gab.
Oder der stille Atem, als hätte sie Angst, dass selbst ihre Existenz zu viel wäre.
Ich kniete mich neben sie, ganz behutsam, um sie nicht zu erschrecken. Sie bewegte sich nicht.
Ihre Augen öffneten sich, nur ein wenig.
Das eine war verklebt, das andere blickte mich ohne Angst an –
nicht, weil sie mir vertraute, sondern weil sie nichts mehr zu fürchten hatte.
Ich flüsterte leise und fragte, ob es ihr gut gehe, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
Sie miaute nicht. Sie schnurrte nicht. Sie blinzelte nur langsam, als wollte sie sagen:
„Wo warst du, als ich noch Hoffnung hatte?“
Bei näherem Hinsehen erkannte ich ihre hervorstehenden Rippen unter dem abgemagerten Fell.
Ihre Pfoten waren rissig und wund. Sie hatte wohl seit Tagen nichts gegessen.
Doch schlimmer als der Hunger war die Einsamkeit.
Sie war nicht nur eine verlassene Katze – sie war eine vergessene Seele.
Ein Lebewesen, das auf eine Freundlichkeit wartete, die nie kam.
Ich bot ihr ein Stück Hühnchen von meinem Mittagessen an.
Sie roch daran, schaute mich an.
Es dauerte eine ganze Minute, bis sie sich wagte, davon zu nehmen –
nicht aus Gier, sondern aus Zweifel.
Erinnerte sie sich überhaupt noch daran, wie sich Zärtlichkeit anfühlte?
Als sie schließlich zu fressen begann, war es langsam und zögerlich,
als hätte ihr Körper vergessen, wie es ist, Nahrung zu empfangen.
Ich blieb eine Stunde bei ihr. Einfach da, ohne sie zu berühren, ohne Vertrauen zu erzwingen.
Und als ich mich erhob, um zu gehen, hob sie den Kopf.
Sie folgte mir nicht. Sie weinte nicht.
Aber ihr Blick stellte mir eine Frage, die ich nie vergessen werde:
„Gehst du jetzt auch?“
Ich konnte in dieser Nacht nicht gut schlafen. Ihr Bild ließ mich nicht los.
Am nächsten Morgen kehrte ich zurück.
Sie war noch da – am selben Ort, in derselben Position,
der Kopf gegen den kalten Stein gelehnt, als wäre das alles, was ihr geblieben war.
Doch diesmal hob sie den Kopf, als sie mich sah.
Diesmal erhob sie sich – schwach – und machte ein paar taumelnde Schritte auf mich zu.
Ich wickelte sie in ein Handtuch und nahm sie mit nach Hause.
Der Tierarzt sagte, sie sei dehydriert und anämisch, vermutlich durch Kälte und Hunger.
Aber sie konnte es schaffen. Sie brauchte nur Zeit, Nahrung und Liebe –
etwas, das ihr viel zu lange verweigert worden war.
Ich nannte sie Clémentine, wegen der Sanftheit, die sie trotz all ihres Schmerzes bewahrt hatte.
Die Wochen vergingen. Ihr Fell wurde wieder weich.
Ihre Augen gewannen ihren Glanz zurück.
Und als sie zum ersten Mal schnurrte, musste ich weinen.
Sie hatte das Verlassenwerden überlebt, die eisigen Nächte, den Hunger,
den Ku**er. Aber nun hatte sie etwas, das sie nie gehabt hatte:
Einen Grund zu leben.
Also, wenn du eines Tages eine Katze zusammengekauert am Straßenrand siehst –
wende nicht den Blick ab.
Denn manchmal schlafen sie nicht.
Manchmal flehen sie in Stille darum, dass jemand erkennt,
dass sie noch am Leben sind.