21/03/2026
Ich stehe hier –
nicht, um zu erklären,
sondern, weil Schweigen irgendwann brennt.
Ich hab das alles schon gesehen.
Nicht heute, nicht gestern.
Schon viel zu lange.
Ich hab’s gesehen im Job.
Ich hab’s gehört im Freundeskreis.
Ich hab’s gespürt,
in diesen stillen Momenten,
wenn jemand sagt: „Heute ist sie wieder nicht gekommen.“
Und alle wissen, was das heißt.
Ich hab gesehen, wie Männer reden,
wie sie lachen,
wie sie erklären,
dass sie ja nicht so sind —
und ich hab trotzdem nichts gesagt.
Ich hab gelauscht,
hab genickt,
hab mich innerlich übergeben
und äußerlich geschwiegen.
Ich hab seit Jahren leise gekotzt.
Leise.
So leise, dass man’s nicht hörte.
Aber irgendwann
läuft jedes Fass über.
Meins tropft schon lange,
und heute,
heute schwimmt die Wut obenauf.
Ich bin nicht neu in dieser Diskussion.
Ich hab nur aufgehört, mich rauszureden.
Denn zu wissen, was passiert —
und trotzdem still zu bleiben —
ist keine Unschuld.
Das ist Bequemlichkeit in Mantelform.
Ich will kein Komplize mehr sein.
Denn Femizid ist kein Phänomen,
das man plötzlich entdeckt.
Femizid ist Dauerzustand.
Es ist System.
Es ist Alltag.
Und ich hab’s gesehen.
So viele Male.
In Schlagzeilen,
in Gesichtern,
in Schweigen.
Ich hab mich selbst im Spiegel gesehen
und gemerkt,
dass ich einer von denen bin,
die nie wollten, dass es so ist,
aber auch nie genug getan haben,
um es zu ändern.
Diese Wut –
sie kommt nicht aus dem Nichts.
Sie trägt Geschichte.
Geschichte von Macht.
Geschichte von Angst.
Geschichte, die wir Männer fortgeschrieben haben,
selbst wenn wir dachten,
wir seien neutral.
Und irgendwann fragt man sich:
Was ist eigentlich mit uns Männern los?
Wann haben wir verlernt,
zu schützen statt zu beherrschen,
zu hören statt zu herrschen,
zu lieben ohne Besitz,
zu fühlen ohne Scham?
Ist das wirklich Evolution?
Haben Millionen Jahre Entwicklung
uns so weit gebracht,
dass wir uns größer fühlen müssen,
wenn jemand kleiner gemacht wird?
Dass unser Selbstwert
auf Angst gebaut ist?
Ist das das Erbe der Stärke,
von dem wir so gerne sprechen?
Oder haben wir verlernt,
dass Stärke nie Unterdrückung hieß,
sondern Verantwortung?
Was ist passiert,
dass Männer,
die einst Kinder waren,
die von Frauen geboren wurden,
jetzt glauben,
sie dürften entscheiden,
wer leben darf?
Wann hat Nähe aufgehört,
Mensch zu sein,
und angefangen, Macht zu sein?
Ich weiß,
es war früher nicht besser.
Aber es war anders.
Heute nennen wir es Fortschritt,
wenn Frauen laut sein dürfen –
und vergessen,
dass sie oft nur laut werden,
um zu überleben.
Ich will kein Komplize mehr sein.
Ich will kein Mann sein,
der sich erschrickt,
wenn er Verantwortung tragen soll.
Ich will einer sein,
der sie trägt,
weil’s endlich nötig ist.
Der nicht mehr wegsieht,
nicht mehr schweigt,
nicht mehr tut,
als wäre das alles normal.
Ich will laut bleiben,
unbequem,
emotional,
ehrlich,
zornig.
Denn Zorn ist Liebe,
wenn Gerechtigkeit fehlt.
Und Gerechtigkeit braucht Zeit.
Und Männer,
die nicht länger warten.
Ich bin nicht perfekt.
Ich war Teil des Problems.
Aber wenn Schweigen Gewalt nährt,
dann wird Reden Widerstand.
Und heute rede ich.
Laut.
Weil jeder Satz zählt.
Weil jeder, der zuhört,
einer weniger ist, der schweigt.
Und weil ich,
ganz einfach,
menschlich,
endlich sagen will:
Ich will kein Komplize mehr sein.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Nie wieder.