29/12/2025
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https://www.focus.de/politik/briefing/der-tod-von-oma-ilse-offenbart-das-ganze-pflege-drama_081735d9-090e-457c-b17d-ecc385163353.html
Viel Text aber extrem wichtig!
Wenn Verantwortung stirbt, stirbt Würde.
Ein Bericht aus der Realität der Versorgung Schwerstkranker
Es beginnt meist leise. Nicht mit einem Skandal, nicht mit einem Aufschrei, sondern mit einer Entlassung. Ein Mensch verlässt das Krankenhaus – formal versorgt, tatsächlich allein. Ohne Schmerzmedikation. Ohne Sauerstoff, den er eben noch dringend brauchte. Ohne Pflegebett. Ohne geklärte Wundversorgung. Ohne irgendeine Gewissheit, dass das, was medizinisch begonnen wurde, zu Hause auch weitergeführt werden kann.
In Deutschland sprechen wir viel über knappe Kassen, über Kostenexplosionen, über Effizienz. Zu selten sprechen wir über Verantwortung. Und noch seltener über Letztverantwortung. Denn genau hier liegt das eigentliche Problem unseres Systems: Niemand will sie mehr tragen.
Ich bin Hausarzt und Palliativarzt im Landkreis Lörrach.
Was ich erlebe, ist kein Einzelfall, sondern Alltag. Patienten werden aus Kliniken entlassen, ohne dass ihre häusliche Situation ernsthaft berücksichtigt wurde. Das Entlassmanagement existiert auf dem Papier – in der Realität wird es vielerorts halbherzig betrieben oder schlicht ignoriert. Der nächste möge es richten.
Die Folgen sind gravierend. Menschen geraten in existenzielle Krisen. Schmerzen, die im Krankenhaus gelindert waren, brechen zu Hause wieder auf – weil ein BTM-Rezept als "kompliziert" gilt. Sauerstoff wird in der Klinik selbstverständlich verabreicht, zu Hause aber fehlt jede Versorgung. Pflegebedarfe sind nicht organisiert, Wunden eitern, Angehörige sind überfordert. Und am Ende steht oft ein Satz, den man erschreckend häufig hört: "Der Patient stirbt ja ohnehin" oder "Man stirbt auch ohne Palliativversorgung".
Ja, Menschen sterben. Auch ohne Palliativversorgung. Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob sie sterben, sondern wie. Mit wie viel Leid. Mit wie viel Angst. Mit wie viel unnötigem Schmerz. Dass diese Frage zunehmend zweitrangig wird, ist ein moralischer Offenbarungseid.
In der Öffentlichkeit werden Kliniken gefeiert, Hochglanzberichte loben die Qualität der Versorgung. Die Realität sieht oft anders aus. Sie ist roh, sie ist beschämend, und sie ist würdelos. Patienten werden entlassen, obwohl offensichtlich ist, dass die Weiterbehandlung nicht sichergestellt ist. Niemand fühlt sich zuständig. Verantwortung diffundiert – zwischen Schichten, Berufsgruppen und Zuständigkeiten.
Ich frage mich oft: Würden die Verantwortlichen ihre eigenen Angehörigen so versorgt wissen? Mit offenen Wunden? Mit unzureichender Schmerztherapie? Mit dem Hinweis, dass „das jetzt halt so ist“? Die ehrliche Antwort dürfte klar sein.
Besonders drastisch zeigt sich das Versagen bei hochbetagten, dementen oder sterbenden Menschen. Sie haben keine Lobby. Sie sind leise. Sie fordern nicht.
Ein Patient in einem Demenzzentrum stürzte beispielsweise wiederholt. Ärztlich angeordnete Sturzprophylaxen wurden nicht umgesetzt – angeblich aus rechtlichen Gründen. Diese waren vorgeschoben.
Die Folge daraus, der Patient stürzte mehrfach und verletzte sich, da die ärztlich verordneten Maßnahmen trotz Nachdruck nicht umgesetzt wurden.
Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, die die juristische Notwendigkeit regeln, lagen vor.
Niemand wollte die Mühe auf sich nehmen. Es kostete Zeit. Es kostete Aufmerksamkeit. Es kostete Verantwortung.
Doch nicht nur die stationäre Versorgung ist prekär. Auch die ambulante Versorgung steht am Limit. Sparmaßnahmen haben dazu geführt, dass es immer weniger Hausärzte gibt. Die verbliebenen werden von Bürokratie erdrückt, arbeiten am Anschlag und verfügen kaum noch über die zeitlichen Ressourcen, um Hausbesuche durchzuführen oder sich angemessen um Patienten im häuslichen Umfeld zu kümmern. Versorgung findet zunehmend am Schreibtisch statt – nicht mehr am Bett.
Hinzu kommt – zumindest im Landkreis Lörrach – ein strukturelles Problem, das selten offen benannt wird: Die beteiligten Institutionen arbeiten häufig nebeneinander her, aber nicht wirklich miteinander. Eine multiprofessionelle Zusammenarbeit, wie sie insbesondere bei schwerkranken und palliativen Patienten notwendig wäre, findet nur unzureichend statt. Statt eines offenen, ehrlichen Austauschs über Versorgungsbedarfe dominiert nicht selten ein Konkurrenzdenken zwischen Einrichtungen, Berufsgruppen und Versorgungsstrukturen. Der Patient, der eigentlich eine ganzheitliche, multiprofessionelle Betreuung benötigt, gerät dabei aus dem Fokus.
Hinzu kommt ein weiteres, ebenfalls selten offen benanntes Problem: Denn auch in Pflegeheimen sieht es nicht anders aus. Nicht selten besteht die Sorge, dass durch die Hinzuziehung externer spezialisierter Palliativteams eine bestehende Mangelversorgung sichtbar werden könnte. Aus Angst vor Kritik, vor Überprüfung oder vor rechtlicher Angreifbarkeit werden Palliativversorger daher gar nicht erst eingebunden – selbst dann nicht, wenn Patienten bereits eine erhebliche Symptomlast aufweisen und offenkundig palliativmedizinische Unterstützung benötigen und diese nach dem Sozialrecht auch zusteht. Ein Rechtsanspruch, der täglich gebrochen wird. Konsequenzen hat dies keine.
Gleichzeitig zeigt sich auch hier Konkurrenzdenken. Die Vorstellung, externe Expertise könne Defizite offenlegen, führt dazu, dass Leid in Kauf genommen wird. Patienten werden weiter verwaltet, statt adäquat versorgt – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern aus systemischer Abwehr.
Pflegekräfte arbeiten am Limit, oft unterbesetzt, häufig ohne ausreichende sprachliche Verständigung. Das ist Realität. Aber es erklärt nicht alles. Denn strukturelle Not entbindet nicht von moralischer Haltung. Und sie rechtfertigt keine Würdelosigkeit.
Wir investieren enorme Summen, um Leben zu verlängern. Gleichzeitig lassen wir Menschen am Lebensende in einem Zustand zurück, den man kaum anders als drittweltlich bezeichnen kann. Da stellt sich eine unbequeme Frage: Was ist Leben noch wert, wenn Würde verhandelbar wird? Wann wird der Patient zur Ware – verwaltet, weitergereicht, abgelegt?
Dieses System ist nicht nur unterfinanziert. Es ist an entscheidenden Stellen entkernt. Es fehlt nicht nur Geld. Es fehlt Haltung. Es fehlt der Mut, Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn es unbequem ist. Gerade dann.
Solange wir das Sterben aus dem Blick drängen, solange wir Leid delegieren und Verantwortung weiterreichen, wird sich nichts ändern. Und irgendwann betrifft es nicht mehr die anderen. Dann stehen wir selbst vor der Tür, die sich leise schließt.
Für das kommende Jahr, insbesondere mit Blick auf 2026, wünsche ich mir daher weniger Parallelstrukturen und mehr Zusammenarbeit. Weniger Nebeneinander, kein Gegeneinander, sondern ein konstruktives Miteinander der beteiligten Berufsgruppen und Institutionen – im Interesse der Patientinnen und Patienten.
Denn am Ende geht es nicht nur um Organisation oder Zuständigkeiten.
Es geht um Haltung.
Und es geht um Würde.
Mit besten Grüßen
und allen guten Wünschen für das Jahr 2026.
Ihr Mario Steffens
Mario Steffens ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin. Er ist ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Palliativnetzes Lörrach, einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) im Landkreis Lörrach.
Danke für's Lesen und Teilen!
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