29/05/2026
GUTE I NACHT I GESCHICHTE
Sommer, Sonne …Sonnencreme
Ein Abenteuer unserer Klinikmöwe Rüdiger, zum Vorlesen
Es gibt Dinge auf dieser Welt, die man nicht sehen kann und die trotzdem wirklich sind. Manches davon ist gut und manches nicht, aber das Schwierige daran ist, dass man von außen oft keinen Unterschied erkennt.
Die Sonne zum Beispiel.
Sie stand an jenem Morgen hoch über dem Bodden, als hätte sie die ganze Nacht darauf gewartet, endlich wieder loszulegen. Ihr Licht fiel auf das Wasser und verwandelte es in tausend kleine Spiegel. Es fiel auf die Wege, auf die Bäume, auf die Dächer der AOK-Klinik Rügen und es fiel auf Rüdiger, die kleine Klinikmöwe, der auf seinem Lieblingsplatz zwischen Restaurant und Physiotherapie saß und die Augen schloss.
Warm, dachte Rüdiger. Schön warm.
Er wusste nicht, dass die Sonne in diesem Moment zweierlei tat. Das eine sah er: das Licht, die Wärme, das Glitzern. Das andere sah er nicht. Und gerade das, was man nicht sieht, ist manchmal das, worüber man am meisten nachdenken sollte.
„Du genießt die Sonne“, sagte eine Stimme.
Carlo, der alte Hafenkater, lag im Halbschatten eines Gebüsches, als hätte er sich bewusst genau auf jene Grenze zwischen Licht und Schatten gebettet, die der Weisheit am nächsten ist. Seine Augen waren halb geschlossen, aber sein Geist, das wusste Rüdiger, war immer wach.
„Ja“, sagte Rüdiger. „Sie ist wunderschön.“
„Das ist sie“, sagte Carlo. „Und dennoch.“
Rüdiger öffnete die Augen. „Dennoch was?“
Carlo antwortete nicht sofort. Das tat er nie, wenn die Antwort größer war als die Frage.
Otto, der kleine Fischotter, kam den Weg herauf, noch feucht vom Bodden und setzte sich dazu. Er trug diese besondere Zufriedenheit im Gesicht, die nur jemand trägt, der gerade sehr kalt gebadet und es sehr genossen hat. „Worüber denken wir nach?“, fragte er.
„Über das Unsichtbare“, sagte Carlo.
Otto nickte, als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt.
Rüdiger sah von einem zum anderen. „Was meint ihr?“
Da deutete Carlo mit einer Pfote auf den Weg. Familien schlenderten Richtung Bodden, Kinder rannten voraus, Eltern trugen Taschen und Decken. Und die meisten von ihnen taten etwas Merkwürdiges: Sie strichen sich eine weiße, cremige Substanz auf die Haut, rieben sie ein, verteilten sie auf Armen und Nasen und Schultern, als rüsteten sie sich für einen Kampf, den niemand ankündigt und den man trotzdem jeden Tag führt.
„Was machen die?“, fragte Rüdiger.
„Sie legen eine Rüstung an“, sagte Carlo. „Eine, die man nicht sieht.“
Rüdiger betrachtete die Menschen. Eine Mutter kniete vor einem kleinen Mädchen und strich ihr die Creme sorgfältig auf die Wangen, hinter die Ohren, auf die Nasenspitze. Das Mädchen seufzte, als trüge es das ganze Leid der Welt. Dann zog die Mutter ihr einen Sonnenhut auf und das Mädchen seufzte noch einmal, tiefer, überzeugter.
„Aber warum eine Rüstung?“, fragte Rüdiger. „Die Sonne ist doch kein Feind.“
„Nein“, sagte Carlo. „Aber sie ist auch kein Freund, der immer weiß, wann er genug ist. Die Sonne schickt Strahlen, die man nicht sehen kann. Licht, das kein Licht ist, zumindest keines, das unsere Augen kennen. Und dieses unsichtbare Licht kann der Haut schaden. Leise, ohne dass man es bemerkt, bis es zu spät ist.“
Rüdiger dachte nach. Er dachte an all die Dinge, die wirklich waren, ohne dass man sie sah. Den Wind, den man nur spürt. Die Kälte, die in die Knochen kriecht. Das Glück, das manchmal an einem stillen Abend am Bodden einfach da ist, ohne Ankündigung.
„Und die Creme“, sagte er langsam, „hält die unsichtbaren Strahlen auf?“
„Sie schwächt sie“, sagte Otto. „Sie ist wie ein Zauberschild. Nicht unüberwindbar, aber stark genug für einen Tag.“
„Und man muss ihn immer wieder neu aufbauen“, fügte Carlo hinzu. „Denn jeder Tag bringt neue Sonne.“
Rüdiger saß still da und ließ das in sich sinken, so wie man einen Stein ins Wasser fallen lässt und die Kreise beobachtet die sich ausbreiten, immer weiter, immer stiller, bis sie vergehen.
Unten auf dem Weg hatte sich das Mädchen mit dem Sonnenhut losgerissen und rannte nun barfuß über den Rasen, den Bodden im Blick, die Arme ausgebreitet wie jemand, der gleich abheben will. Rüdiger beobachtete sie. Geschützt und frei zugleich, dachte er. Das ist vielleicht das Geheimnis.
„Und wir Möwen?“, fragte er schließlich.
„Ihr habt Federn“, sagte Carlo. „Ihr seid anders geschützt.“
„Aber?“
„Aber auch ihr könnt zu lange in der Sonne sitzen. Auch ihr könnt vergessen zu trinken. Auch ihr könnt glauben, die Welt dreht sich nur um das Schöne, das man sieht und dabei das übersehen, was man nicht sieht.“ Carlo schloss die Augen wieder. „Das ist die eigentliche Kunst, nicht nur das Sichtbare lieben sondern auch das Unsichtbare respektieren.“
Eine lange Stille folgte. Der Bodden glitzerte. Die Bienen summten. Das Mädchen mit dem Sonnenhut hatte das Wasser erreicht und streckte einen Fuß hinein, dann den anderen und lachte so laut, dass es über das ganze Gelände zu hören war.
Rüdiger lächelte, so gut eine Möwe das kann.
„Ich glaube“, sagte er leise, „ich werde das nie vergessen.“
„Das Vergessen ist das Einzige, was man wirklich vergessen sollte“, murmelte Carlo und schlief ein.
Otto legte sich neben ihn, zufrieden und still.
Und Rüdiger blieb sitzen und schaute hinaus auf den Bodden, auf die Sonne, auf das Glitzern, das so schön war und das doch mehr enthielt als die Augen fassen konnten. Und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er nicht nur daran, was er sah, sondern auch daran, was dahinter war.
Die unsichtbare Rüstung.
Die Sorgfalt, die man trägt, ohne dass jemand sie sieht.
Die Liebe, die sich in einem Sonnenhut verbirgt.
Gute Nacht, kleine Möwe Rüdiger. Und vergiss nicht: Das Wichtigste ist oft das was man nicht sieht, aber trotzdem trägt.
BEWUSST. AOK-Klinik Rügen
BEWUSST. Begeisterung
BEWUSST. Like & Love