26/05/2025
Man muss kein Arzt sein, um Medizin zu verstehen – eine Lanze für Heilpraktiker
Gesundheit ist komplex. Der menschliche Körper funktioniert nicht in isolierten Einheiten, sondern wie ein fein abgestimmtes System ineinandergreifender Prozesse – wie ein Netzwerk aus biologischen Regelkreisen, in dem Organe, Hormone, Stoffwechsel und Psyche in ständiger Wechselwirkung stehen. Es ist ein dynamisches Zusammenspiel, kein starres Baukastensystem. Und um dieses Zusammenspiel zu verstehen, braucht es vor allem eines: Neugier, Lernbereitschaft, ein tiefes Verständnis für biochemische Zusammenhänge – und vor allem den Blick für das Ganze.
Man muss dafür nicht zwingend Medizin studiert haben.
Ich selbst habe über 20 Jahre in einer schulmedizinischen Arztpraxis gearbeitet. Eine Zeit, in der ich viel gelernt, unzählige Fortbildungen besucht, Studien gelesen, Hintergründe recherchiert und mein Wissen immer weiter vertieft habe. Ich habe mich nie damit zufriedengegeben, Symptome zu behandeln – ich wollte immer die Zusammenhänge verstehen. Was bedingt was? Welche Prozesse beeinflussen sich gegenseitig? Warum wirken bestimmte Medikamente bei einem Menschen anders als bei einem anderen?
Heute bin ich Heilpraktikerin. Kein Arzt. Und doch – oder gerade deshalb – sehe ich mich als Medizinerin. Ich arbeite evidenzbasiert, mit fundiertem Fachwissen, und versuche jeden Tag, dem Organismus ein Stück mehr auf die Spur zu kommen. Ich lese Studien, ich bilde mich weiter, ich stelle Fragen – vor allem dann, wenn scheinbar „alles klar“ ist.
Denn eines habe ich in all den Jahren gelernt: Der Satz „Aber der Doktor hat gesagt, dass …“ ist keine Garantie. Auch ein Medizinstudium schützt nicht davor, falsche oder veraltete Informationen weiterzugeben. Oft ist es nicht einmal Absicht – manchmal fehlt schlicht die Zeit für tiefere Recherche, für regelmäßige Weiterbildung oder für einen systemischen Blick. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Realität im oft überlasteten Gesundheitssystem.
Viele Patienten sind heute verunsichert. Sie hören eine Aussage beim Arzt – und eine andere beim Heilpraktiker. Zwei Perspektiven, zwei Deutungen, manchmal sogar zwei völlig unterschiedliche Empfehlungen. Wer hat jetzt recht? Das führt bei vielen Menschen zu innerer Zerrissenheit und einem tiefen Vertrauenskonflikt. Aber genau das zeigt: Es gibt nicht die eine Wahrheit in der Medizin. Oft gibt es unterschiedliche Sichtweisen, verschiedene Erklärungsmodelle, verschiedene Wege – und sie alle können berechtigt sein. Wichtig ist, dass wir lernen, diese Vielfalt nicht als Widerspruch zu sehen, sondern als Chance, den Menschen in seiner individuellen Komplexität besser zu verstehen.
Ich möchte kein Bashing betreiben. Die Schulmedizin leistet Großartiges. Lebensrettendes. Aber sie ist nicht unfehlbar. Zahlreiche Studien – wie die WHI-Studie zur Hormonersatztherapie, die 7-Länder-Studie zu Fetten und Herzkrankheiten oder der jahrzehntelange Irrtum über Cholesterin und Eier – zeigen, wie wissenschaftliche Irrtümer Einzug in medizinische Empfehlungen halten können. Und wie schwer es ist, einmal etablierte Meinungen zu korrigieren, selbst wenn neue Daten das eigentlich erfordern würden.
Heilpraktiker wie ich arbeiten oft anders. Viele von uns beschäftigen sich intensiv mit funktioneller Medizin, mit Regulationsprozessen im Körper, mit dem Mikrobiom, dem endokrinen System, mit chronischen Entzündungen, mit Ernährung und Lebensstilmedizin. Wir denken nicht in isolierten Organen oder Disziplinen, sondern systemisch. Ganzheitlich – im besten Sinne.
Natürlich gibt es unter Heilpraktikern auch Unterschiede. Genau wie unter Ärzten. Doch es ist falsch, Wissen ausschließlich am Titel festzumachen. Es gibt viele Heilpraktiker, die hochqualifiziert, sehr erfahren und enorm engagiert sind. Die sich Wissen nicht nur angeeignet, sondern durch praktische Erfahrung und intensive Fortbildung wirklich verinnerlicht haben.
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Kompetenz allein am „Dr. med.“ festzumachen. Lasst uns die Menschen hören, die sich ernsthaft, differenziert und mit echtem Engagement mit Gesundheit beschäftigen – egal ob Arzt, Heilpraktiker, Ernährungswissenschaftler oder Forscher. Es geht nicht um Titel. Es geht um Qualität, Tiefe, Offenheit – und das Wohl der Menschen, die uns vertrauen.
Praxis für ganzheitliche Naturheilkunde & Chiropraktik
Alexandra Nau
-Heilpraktikerin-