19/01/2026
Agnes Sampson war eine Frau, die zu viel wusste. Denn es heißt, sie habe gewusst, wann ein Körper Heilung brauchte und wann Worte mehr vermochten als Kräuter. Sie lebte im späten 16. Jahrhundert in Schottland, in einer Zeit, in der das Land rau war, das Leben karg und das Wissen der Frauen zugleich gebraucht und gefürchtet wurde.
Agnes war eine Heilerin. Eine Hebamme. Eine jener Frauen, die man rief, wenn das Kind nicht kommen wollte, das Fieber blieb, oder wenn die Seele schwer war. Sie kannte Pflanzen, Gebete, alte Sprüche. Sie hörte den Menschen zu, und sie nahm ernst, was andere oft übersahen. In den Dörfern wusste man, dass Agnes genauer hinsah und hinhörte als andere.
Doch es war eine Zeit, in der das Unsichtbare sehr oft und schnell auch unter Verdacht stand. König James VI. fürchtete die Magie, Zauberei, Stürme und Verschwörungen. Und so begann eine der düstersten Wellen der schottischen Hexenverfolgung, die North-Berwick-Prozesse.
Agnes Sampson wurde verhaftet. Jedoch nicht, weil sie irgendwelchen Schaden angerichtet hatte, sondern weil man ihr Wissen nicht einordnen konnte. Weil sie eine Frau war, die wirkte, tat, half und heilte, wann immer sie gerufen und gebraucht wurde.
Man brachte sie nach Edinburgh. Dort geschah, was so viele Geschichten dieser schrecklichen Zeit der Verfolgung gemeinsam haben.
Man folterte sie, schnitt ihr die Haare ab, suchte ihren Körper nach Zeichen und Male ab. Man fesselte sie, quälte sie, bis der Körper nachgab. Und schließlich tat sie, was viele vor ihr auch taten. Sie sprach all das aus, was man hören wollte. Geständnisse, die aus dem Schmerz geboren wurden, und nicht aus der Wahrheit. Man sagte, sie habe mit dem Teufel gesprochen, habe Stürme heraufbeschworen und auch dass sie den König bedrohte.
Doch zwischen all diesen Lügen da liegt eine andere, tiefere Wahrheit, denn Agnes Sampson war eine Frau, die so vieles getragen hatte. Die Leben begleitete, die an den Schwellen standen zwischen Geburt und Tod, Krankheit und Genesung, Angst und Hoffnung.
Und genau dort, an diesen Schwellen, standen seit jeher diese wissenden Frauen. Jedoch nicht um zu herrschen, sondern um zu hüten. Denn sie alle waren Hüterinnen des alten und tiefen Wissens.
Im Jahr 1591 wurde Agnes Sampson hingerichtet. Sie verbrannten ihren Körper, denn sie wollten, dass ihr Name ausgelöscht werde.
Doch jene Namen, die aus echtem Wirken, tiefer Weisheit und Mitgefühl geboren sind, verschwinden nicht.
Heute erinnern wir uns an sie, jedoch nicht als das, was man ihr vorwarf, sondern als das, was sie immer war, eine Wissende, eine Hörende, eine Frau der Übergänge. Eine Frau, deren Magie nichts mit Macht über andere zu tun hatte, sondern mit Beziehung, Verantwortung und dem Mut, auch dann da zu sein, wenn es schwer wird.
Vielleicht ist das die wahre Spur der weisen Frauen, der Hüterinnen, Heilerinnen und Hexen. Wissen, das trägt, nährt und heilt in seiner ganzen Präsenz.
Maria Solva Roithinger