28/04/2025
Ich lerne zu wandern
wie der Wind, der suchend durch die Straßen geht
und das letzte knisternde Laub mit sich trägt,
wie die perlenden Gewässer, die sich als Lebensadern
in die Weite der Landschaft verzweigen,
wie der Zugvogel, der immer wieder eine beschwerliche Reise
auf sich nimmt, um dort zu sein, wo Leben möglich ist.
Ich lerne, nicht stehen zu bleiben
am sicheren Ort ohne Wagnis, am vertrauten Gedanken,
in der Wärme der Anerkennung und in den Grenzen des Erwartbaren.
Immer wieder lasse ich sie hinter mir,
die trügerische Fata Morgana des Angekommenseins.
Denn Leben heißt, sich bewegen zu lassen
vom Klang des Fremdartigen,
vom Schmerz, der nach Linderung verlangt,
von der Lust des Lebens, sich zu vertiefen.
Und Leben heißt, an vielen Orten leises Glück zu finden
wie im Vorübergehen.
Ich lerne, mutig zu sein,
wie der erste Regentropfen, der auf die harte Erde fällt,
wie der Keim, der geduldig seine Kräfte sammelt,
um die dunkle Schwere der Erde zu durchbrechen,
wie die Taube, die im Revier der Katze nistet.
Ich lerne, dem Leben zu vertrauen,
das mich ruft, das mich webt, bis hinein in meine Träume,
und das mich will, mit Haut und Haar
und meinen schöpferischen Händen.
Immer wieder durchschreite ich ihn,
den engen Felsspalt der Furcht, hinter dem die Weite atmet.
Denn Leben heißt, sich fallen zu lassen
in die wohlwollenden Ströme des Werdens,
in die unversehrte Seligkeit des Augenblicks
und in die Abgründe, die kein anderes Licht haben als unseres.
Leben heißt, sich immer wieder selbst zu vergessen,
um sich reich beschenkt in der Stille aller Dinge wiederzufinden.
(aus: Giannina Wedde, In winterweißer Stille, Vier Türme Verlag, überall im Buchhandel und hier: www.klanggebet-shop.de)
Bild/Art: The wonderful art of Olya Haydamaka